Jahresbericht 2000/01

5. Psychologische Beratung mit älteren Menschen - Möglichkeiten und Grenzen

In den nachstehenden Ausführungen ist die Rede von Menschen, die sich in der zweiten Lebenshälfte befinden, also über 50 Jahre alt sind. Diese Abgrenzung entspricht der Definition der WHO, wonach man von „älteren Menschen“ spricht, wenn diese das 51. Lebensjahr begonnen haben.

Mit den gestiegenen Lebenserwartungen machen die Menschen bisher nicht gekannte Erfahrungen, nämlich dass Altwerden nicht gleichbedeutend ist mit unaufhaltsamem Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit. Sie lernen, sich den vorgegebenen Veränderungen anzupassen. Das kann in bestimmten Situationen zu Gefühlen von Überforderung, Unsicherheit, Ohnmacht führen. Auch lebenserfahrene Menschen suchen dann professionelle Hilfe bei Fachleuten.

Altern ist ein lebenslanger Prozess und Älterwerden kein plötzlich eintretender Zustand mit eindeutig festgelegten Einschnitten, auch wenn die Auslöse-Situation einer Krise oft unerwartet kommt. Die Übergänge von einer Lebensphase zur nächsten sind fließend und abhängig von den Bedingungen des gesamten Bezugsfeldes. Genetische Vorgaben, biologische, kulturelle und persönliche Besonderheiten sowie Veränderungen in den gesellschaftlichen Wertvorstellungen beeinflussen die individuelle Lebensentwicklung.

Wir unterscheiden in dieser sogenannten „Zweiten Lebenshälfte“ drei Gruppen:
  • die 50-65-jährigen (Menschen in den sog. Wechseljahren, im Übergang zum Ruhestand)
  • die 65-75-jährigen (die die Begrenzung der noch verbleibenden Zeit realisieren)
  • die über 75-jährigen

Die meisten älteren Ratsuchenden, die sich an uns wenden, gehören zu der erstgenannten Altersgruppe (50 – 65 Jahre). Von unserer Gesamtklientel waren das in den letzten Jahren um die 15 %.

Diesen Lebensabschnitt der „Wechseljahre“ kann man vergleichen mit dem Beginn des Erwachsenwerdens, der späten Pubertät und der Adoleszenz. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen, auch wenn bei Frauen mit dem Beginn der Menopause eindeutige Zeichen gesetzt sind. Die hormonelle Umstellung bewirkt Veränderungen des Körpers und führt zu Stimmungsschwankungen, Unsicherheit und Ängsten z. B. in bezug auf die bevorstehenden beruflichen oder persönlichen Entscheidungen. Der Wunsch, noch einmal eine Chance wahrzunehmen, alles bisher Gelebte in Frage zu stellen und zu verändern, wird drängender. Eine berufliche Herausforderung zu suchen, eine neue, meist jüngere Frau zu finden, sich im sportlichen Bereich zu bewähren, beschäftigt Männer; Frauen wenden sich eher ihrem Körperbild zu, suchen Möglichkeiten, dieses zu verändern.

In dieses Lebensjahrzehnt fallen die großen Krisen, sowohl im persönlichen als auch im familiären Bereich.

Auslösesituationen sind :

  • Narzisstische Kränkungen – Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, z. B. bei Auftreten von jüngeren Kollegen/Innen, die oft besser ausgebildet sind. Die Ablehnung bzw. Abwendung des bisherigen Lebenspartners, Rückzug der früheren Freunde und Bekannten.
  • Organische Verluste - Funktionseinbussen oder Organminderwertigkeiten durch Krankheiten
  • Objektverluste - Wichtige Bezugspersonen fallen aus durch Krankheit oder Tod von Verwandten oder Freunden; Weggehen der Kinder durch Aufbau eines eigenen Lebensraumes; Wegfall des Arbeitsplatzes mit seinem sozialen Beziehungsfeld von Kollegen, Geschäftspartnern usw.

Psychologische Ansätze in der Beratung

Wichtiger als in jüngeren Jahren, wo sich vieles von selbst ergibt, ist es für ältere Menschen, mehrdimensionales Denken zu fördern und ein Netz unterschiedlicher sozialer Bezüge aufzubauen. Es ist Zeit, über das eigene Leben zu reflektieren, Bilanz oder besser Zwischenbilanz zu ziehen. Veränderungen in den bisherigen Wertvorstellungen werden notwendig; andere Prioritäten der Lebensqualität werden gesetzt.

Fallbeispiel I: Herr Z., 58 Jahre, hat eine Führungsposition und ist beauftragt, bei der Gestaltung des Personalabbaus mitzuarbeiten. Er ist völlig überrascht, als ihm vom Vorstand ebenfalls eine Vorruhestandlösung mit einer erheblichen Abfindungssumme vorgeschlagen wird. Seine Frau ist sehr erfreut und weiss sofort, wie das Geld verwendet werden sollte. Herr Z.: In meinem ganzen Leben haben immer andere über mich bestimmt. Meine Mutter hat meinen Beruf ausgesucht, meine Frau hat die Familie arrangiert, die Firma meine Aufgaben festgelegt... Wenn es gut geht, habe ich noch 15 lebenswerte Jahre vor mir ... das ist die letzte Chance, erstmals mein Leben nach meinen Vorstellungen zu gestalten ... in meinen Plänen lasse ich mich von niemandem mehr beeinflussen!“.

Sich einzugestehen, dass Entwicklungen in der Vergangenheit, Fehlentscheidungen nicht mehr rückgängig gemacht werden können ist bitter, ermöglicht aber, wenn sich jemand auf diese Reflexion einlassen kann auch, dass sich neue Perspektiven erarbeiten lassen. Es bedarf einer intensiven Beschäftigung mit der Lebensgeschichte um zu erkennen, welche Ressourcen, welche Bewältigungsstrategien aus Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenleben genutzt werden können. Daraus lassen sich auf die Zukunft gerichtete Lösungsmöglichkeiten ableiten. Neue soziale Kompetenzen können erweitert oder erworben werden.

Fallbeispiel II: Frau W., 62 Jahre, wird von ihrem Sohn wegen Panikängsten vorgestellt. Seit dem Tod ihres Vaters ist die „ist die Herkunftsfamilie kaputt“. Sie stammt aus einer kinderreichen Flüchtlingsfamilie. Der unbedingte Zusammenhalt unter den Geschwistern und ein harmonisches Zusammenleben war oberstes Gebot. Die Familie hat es weit gebracht. Nach Vaters Tod kam es zu Erbauseinandersetzungen und Rivalitäten insbesondere zwischen den Brüdern und dehnte sich dann auf die Schwägerinnen und Schwestern aus. Intrigen und üble Unterstellungen führten dazu, dass zuletzt keines der Geschwister ohne Spannung zu den anderen stand. – Beim Betrachten der Biografie wurde ersichtlich, dass schon von früher Kindheit an Spannungen, Rivalitäten unter den Geschwistern bestanden und nur das Familiengebot: „Wir sind eine besondere Familie, bei uns gibt es keinen Streit“ hat das Austragen von Konflikten verhindert. Durch Besprechen der aktuellen aber auf früher bezogenen Beziehungsmuster ließ sich allmählich die belastende Situation auflösen.

Fragen nach dem Sinn des bisher Gelebten werden gestellt, religiöse und philosophische Antworten werden gesucht. Oft ist es auch nur die Frage, was normal ist, was moralisch erlaubt oder verboten ist.

Fallbeispiel III: Frau S., 50 Jahre, möchte Rat, weil es in ihrer Ehe Meinungsverschiedenheiten und Streit gibt wegen der Versorgung und Betreuung des 75-jährigen Vaters. Sie fühlt sich verpflichtet „für die Eltern da zu sein“, von den Eltern wird auch gefordert, dass sie jederzeit „abrufbereit“ zu sein hat. Für die Partnerschaft bedeutet dies, kein Urlaub außerhalb der regionalen Umgebung, kein Wohnort- oder Arbeitsplatzwechsel.

Der Ehemann erwartet von ihr mehr gemeinsame Unternehmungen, die eigenen Kinder wünschen eine aktive Großmutter für die Kinderbetreuung. Nachdem der Ehemann mehrmals ohne sie verreist war, wird ihr bewusst, dass die Ehe gefährdet ist. Noch wagt sie es nicht selbst zu entscheiden und fragt, wie andere es handhaben, ob es nicht unmoralisch ist, eigene Bedürfnisse den alten Eltern gegenüber zu vertreten und durchzusetzen.

Besondere Themen in der Beratung mit Paaren sind zukunftsorientiert, betreffen den bevorstehenden Ruhestand. Erwartungen an das gemeinsame Leben, die Vorstellungen über Gemeinsames und Trennendes bei der Gestaltung der Alltagssituation und des neuen gesellschaftlichen und sozialen Umfeldes werden diskutiert. Die Rekonstruktion der Geschichte der Ehe des Paares, die Anerkennung des gemeinsamen Einsatzes bei der Bewältigung von Krisen zeigt Ressourcen, die zur Verfügung stehen bei der Gestaltung der neuen Lebensphase. Wichtiger als in früheren Jahren wird es, Eigenarten und Schwächen, die schon längst bekannt sind, beim Anderen zu tolerieren, Nähe und Distanz neu zu bestimmen.

Grenzen der Beratung sind dort, wo Angst und Widerstand, neue Schritte zu gehen, bei den Ratsuchenden unüberwindbar sind, wo alte Verhaltensmuster so eingefahren sind, dass sie sich nicht auflösen lassen. Scham und Schuldgefühle verhindern, vorhandene Möglichkeiten zu nutzen. Manchmal ist es auch nur der sogenannte „sekundäre Krankheitsgewinn“ in der Opferrolle, der ein Umdenken und damit verbunden aktives Handeln und Kreativität verhindert.

Wir wissen, dass vieles auch im höheren Alter noch zu verändern ist und freuen uns auf weitere Zusammenarbeit mit diesen Ratsuchenden.

Ingrid Paál

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