Jahresbericht 2000/01

6. Mitarbeit auf Evangelischen Kirchentagen

Deutscher Evangelischer Kirchentag Stuttgart 1999 - Frankfurt 2001

Mitarbeit im Zentrum für psychologische Beratung und Seelsorge

Aus allen Himmelsrichtungen und Altersgruppen, aus sehr verschiedenen Lebenssituationen und mit ganz unterschiedlichen Interessen und Erwartungen kommen sie zum Kirchentag, die ca. 100.000 TeilnehmerInnen: zu diesem Forum des Dialogs zu Fragen der Zeit, dieser Präsentation der Vielfalt an Informationen und Möglichkeiten, diesem Ort der Begegnung.

Seit vielen Jahren gibt es auf den Kirchentagen das Zentrum für psychologische Beratung und Seelsorge als ein Angebot, mit Fachleuten aus Psychologischen Beratungsstellen oder SeelsorgerInnen über persönliche Fragen zu sprechen: allein, zu zweit, in der Familie, in einer Gruppe. In einem Team von MitarbeiterInnen arbeitete ich als Beraterin in einer der großen Messehallen mit: 1999 auf dem Killesberg in Stuttgart, 2001 auf dem Messegelände in Frankfurt. Eine Herausforderung, der ich mich gerne gestellt habe. Einige Eindrücke und Erfahrungen möchte ich mitteilen.
Mit Stellwänden abgeteilt sind Anmelde- und Aufenthaltsbereich, 12 Beratungskojen, Gruppenräume:

Mitten im Geschiebe ein geschützter Raum.
Mitten im Trubel ein Ort des Innehaltens.
Mitten im Lärm ein Ort relativer Ruhe.
Mitten in der Anonymität der Vielen die Intimität des Einzelnen.

Anders als an der Beratungsstelle habe ich hier kaum Zeit, mich darauf einzustellen, was für ein Mensch in welcher Situation mit welchem Anliegen mein Gegenüber sein wird. Die Sekretärin, die die Anmeldungen entgegennimmt, kommt mit ein paar Stichworten in den Raum, in dem wir BeraterInnen sitzen. Spontan übernimmt jemand von uns die Beratung. In der Regel kommt es nur zu e i n e m Beratungsgespräch. Das Wissen um die Einmaligkeit der Begegnung und die Begrenztheit von Zeit und Möglichkeit verstärken Motivation und Konzentration - bei den Ratsuchenden ebenso wie bei mir als Beraterin. Im Durchschnitt dauert das Gespräch 40 bis 60 Minuten. In dieser Zeit geht es darum, das Wesentliche des Anliegens bzw. des Problems herauszufinden, zu benennen und auf einen Punkt zu bringen, der weiterführen kann. Mehr als 500 Menschen nutzen jeweils in Stuttgart und in Frankfurt dieses Angebot. Die meisten sind mittleren Alters. Sie kommen zielstrebig oder beiläufig, haben das Gespräch Zuhause schon angeplant oder sich spontan dazu entschlossen. Die Fragen entsprechen der ganz persönlichen Lebenssituation und/oder beziehen sich auf aktuelle Kirchentagserfahrungen:

  • Da ist der Mann, der sich mir gleich bei der Begrüßung als Naturwissenschaftler vorstellt. Er bringt seine in diesem Bereich erworbenen Kenntnisse (noch) nicht zusammen mit seinem religiösen Fragen und Suchen.
  • Da ist die Frau, die vermutet, dass ihr Mann eine außereheliche Beziehung hat. Will sie die Wahrheit überhaupt wissen? Könnte sie damit umgehen? Im Beratungsgespräch gesteht sie sich und mir ihre Ambivalenz ein. Wir wägen ab: Was ist für sie jetzt wichtig, was notwendig, was möglich? Was ist der Preis für das jeweilige Verhalten? Als sie geht, weiß sie, was ihr nächster Schritt sein wird.
  • Da sind die beiden Schulbuben aus dem Internat. Der eine macht sich Sorgen um den Freund, der - aus frisch geschiedener Familie kommend - sich nun so schwer tut mit allem und allen und vor allem mit sich selber. Das Verständnis für die Schwierigkeit seiner Situation und Lebensphase, das vorsichtige Andenken von Perspektiven, die Überlegung nach Begleitung machen den Blick wieder etwas frei für die gegebenen Möglichkeiten.
  • Da ist die überforderte Frau, die sich aufreibt zwischen den Ansprüchen der alten Mutter und der erwachsen werdenden Tochter. Was heißt alltäglich-konkret: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst"? Hat auch Liebe ein Maß? Wie setzt sie wem/wo/wie Grenzen?
  • Da ist die Frau aus Kasachstan. Sie kommt nicht zurecht mit der veränderten Situation; sie schämt sich, von Sozialhilfe leben zu müssen, sorgt sich um die heranwachsenden Kinder. Wo ist ihr Platz? Wo gehört sie dazu - in dieser Menschenmenge, in diesem Land? Wo ist sie Zuhause: Äußerlich und innerlich?
  • Da ist das ältere Ehepaar mit der Frage, ob sie hier am Abendmahl teilnehmen können/dürfen, wo doch die Tochter seit langem unversöhnlich ist. Was sind sie einander schuldig geblieben? Was ist in dieser Beziehung zu lassen und zu lösen, was noch zu geben und zu ver-geben? Damit Offenheit sein kann für das, was ist.
  • Da ist der ältere Mann, der zu seinem Eheversprechen steht, sich aber einer anderen Frau innerlich sehr viel tiefer verbunden fühlt, gerade auch was den religiösen Bereich betrifft. Wie geht das zusammen mit seinen Bedürfnissen, seiner Moral, seiner Wertauffassung, seinem Glauben? Sein ganzes bisheriges Lebensgebäude und Weltbild brechen auseinander, sind frag-würdig geworden.
  • Da ist die Lehrerin, ab und zu gerät sie in eine depressive Phase: „An wen soll ich mich dann wenden, an einen Psychologen oder einen Seelsorger?" fragt sie. Psychologie und Theologie, Psychotherapie und religiöse Erfahrung, psychologische Beratung und Spiritualität. Alternativen? Ergänzung? Was ist das jeweilige Ziel? Wie der Weg? Wie greifen die Ebenen ineinander - in Frage stellend, herausfordernd, blockierend, fördernd? Fragen, die auch mich beschäftigen. Nicht nur beim Kirchentag.
  • Da ist die 45-jährige Frau, die - als uneheliches Kind - ein Leben lang unsicher ist in ihrer Identität. Erst vor einiger Zeit hatte sie erfahren, wer ihr leiblicher Vater ist. Immer hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt... Ihr Grundgefühl: „Kann ich mir selber trauen oder stimmt das, was die anderen sagen?" - In kurzer Zeit legt sie eine ganze „Lebensbeichte" ab. Danach spürt sie ungewohnt viel Kraft in sich. Woher die wohl komme, frage ich. „Ich bin angenommen" sagt sie . Die Zusage, von Gott angenommen zu sein braucht - offensichtlich - der irdischen Erfahrung und Verankerung.
  • Da ist die kirchliche Mitarbeiterin, die familiäre Probleme hat. „Sie sind der erste Mensch, mit dem ich darüber spreche", sagt sie. Das Aus-sprechen ist oft ein erster und entscheidender Schritt, lösend und manchmal geradezu erlösend.
  • Da ist die Amerikanerin, die mit einer Gruppe aus USA zum Kirchentag angereist war. Nun steht sie weinend an der Anmeldung. Der Anblick von Kindersachen an einem der Stände in der Halle hat sie an die Fehlgeburt ihrer Schwägerin erinnert. Der Schmerz ist so tief, dass ich behutsam nachfrage. Plötzlich erinnert diese Frau zu ihrer großen Verwunderung, was sie völlig „vergessen" hatte: Eine eigene Abtreibung vor 20 Jahren. Niemandem hatte sie je etwas davon gesagt. Jetzt ist sie in Berührung mit einem Schmerz, den sie nie zugelassen hatte. Und mehr noch: Sie ist auch in Kontakt mit einer tiefen Trauer über viel Ungelebtes in ihrem Leben. Beim Abschied - die Tränen sind kaum getrocknet, in ihren Augen leuchtet ein Lächeln - fragt sie, ob sie mich in den Arm nehmen dürfe.

Als sie gegangen ist, bleibe ich noch eine Weile still allein. Weit weg die Lärmigkeit außen, unwichtig die Kargheit des Raumes, aufgehoben die sprachlichen Unterschiede. Eine alte Weisheit kommt mir in den Sinn: „Der weiteste Weg ist der Weg nach innen. Die längste Reise ist die Reise zu sich selbst".

Sehr persönliche Gespräche. Oft ist das Gespräch ein erster Schritt und weckt die Bereitschaft, Zuhause dran zu bleiben und evtl. eine Beratungsstelle vor Ort aufzusuchen. Manchmal genügt solch einmaliges Beratungsgespräch, damit ein Mensch besser versteht - sich selbst und andere und die Situation, dass er einen nächsten Schritt sieht und wagt. Erleichtert und nachdenklich gehen die meisten, froh diese Schwelle betreten bzw. überschritten zu haben.

Doris Kimmel

Plakat Kirchentag Frankfurt 2001 - Du stellst meine Füße auf weiten Raum

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