Jahresbericht 2000/01

10. Paare im Konflikt: Vergesst die Kinder nicht!
Vom Ehestreit zur Elternverantwortung

In Langen gibt es seit Jahren die Psychologische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen des Diakonischen Werkes Offenbach-Dreieich-Rodgau. Dort beraten wir Erwachsene, die unter ihren Beziehungen leiden, dort Probleme und Konflikte haben, sei es mit dem Partner oder der Partnerin, sei es in der Familie oder außerhalb z.B. am Arbeitsplatz. Bislang waren wir nur für Erwachsene da - nun wollen wir uns öffnen für Kinder und Jugendliche. Warum? Das kam so:

Vor einigen Jahren kam ein Paar in unsere Psychologische Beratungsstelle in Langen. Nennen wir es das Ehepaar K.. Beide lebten seit Jahren zusammen, waren verheiratet und hatten einen sechsjährigen Sohn.

Herr und Frau K. hatten sich ineinander verliebt, teilten viele gemeinsame Interessen und fanden als Paar zueinander. Sie zogen zusammen und bauten sich ein gemeinsames Leben auf. In dieses Heim wurde die Frucht ihrer Liebe, der Sohn Timmy, hinein geboren. Wie das oft so geht: Verliebt - Traumhochzeit ? Familie.

Mit der Geburt änderte sich vieles: neben die Glücksmomente traten Stress und Überlastungen. Er ging weiter arbeiten, sie blieb drei Jahre zu Hause (Erziehungs -"Urlaub"), war etwas unglücklich über die Hausfrauenrolle. Aber die Liebe war jung und kräftig. Man wollte es zusammen schaffen. Und Timmy war so ein "süßes Kerlchen".

Anfangs half ihr der Mann auch sehr, wie vorher schon im Haushalt und auch bei der Versorgung des Sohnes. Dann musste er aber mehr arbeiten. Das Geld wurde knapp. Außerdem waren bei ihm auf der Arbeit einige Kollegen entlassen worden. Er wollte nun richtig „ranklotzen". Auch sie ging stundenweise wieder in ihren alten Job, als Timmy im Kindergarten war.

Sie hatte auf der Arbeit eine junge, ehrgeizige Kollegin bekommen, mit der es nicht einfach war. Außerdem gab es immer wieder Streit mit den Schwiegereltern wegen Timmy. Die hatten ganz andere Vorstellungen als Frau K. Ihr Mann hielt mal zu ihr, mal zu seinen Eltern. Timmy war auch nicht mehr nur süß, sondern z.T. richtig sauer und bockig. Der Stress in der Familie nahm zu.

Herr K. hatte keine Zeit (und Lust) mehr, in der Küche zu helfen; Frau K. hatte keine Lust mehr im Schlafzimmer. Sie sehnte sich nur danach, endlich mal richtig auszuschlafen. Das Ehepaar war gereizt, man sprach nur das Nötigste miteinander, um nicht wieder im Streit zu enden. Sie warf ihm Dinge vor, und er "warf zurück", wie bei einem Vorwurfs-Ping-Pong-Turnier. Nur gab es keine Gewinner. Der Sohn war "knatschig", da keiner sich mehr richtig um ihn kümmerte.

Das Zusammenleben war sehr ungemütlich geworden. Das Ehepaar steckte voll im verflixten siebten Jahr. Er fraß viel in sich hinein und explodierte irgendwann. Sie sprach sich mit ihrer Freundin aus. Die empfahl eine Eheberatung, da sie so etwas schon mal gemacht hatte. Zögerlich ließ Herr K. sich darauf ein.

In unserer Beratungsstelle fand ein erstes, fast zweistündiges Klärungsgespräch statt. Dort kam vieles von dem aufgestauten Unmut, von der Enttäuschung und Verbitterung zur Sprache. Man war doch so toll gestartet, und nun drohte man im Steilflug aus dem siebten Himmel in einer Bruchlandung zu enden. Natürlich war der/die andere schuld daran. Das Wort Scheidung war schon gefallen, auch wenn noch keiner beim Anwalt gewesen war.

Sie wollten es doch noch einmal miteinander versuchen: Eheberatung als Rettungsfallschirm vor dem Beziehungs-Crash und dem Auseinanderbrechen der jungen Familie. Wir vereinbarten vorerst fünf Beratungssitzungen und eine wöchentliche Hausaufgabe, um das konstruktive Sprechen miteinander wieder in Gang zu setzen.

Wenn soviel Stress, Unmut, Unzufriedenheit und Enttäuschungszorn da ist, dann sollte man reden. Wie kann man das verändern oder zumindest gemeinsam besser durchstehen? Wie können wir miteinander sprechen, so dass es uns nachher besser geht? Wie finden wir Lösungen, so dass Licht am Ende des Tunnels erkennbar ist und nicht alles zum Teufel geht?

Während der dritten Sitzung mit dem Paar bei uns erzählten sie von einem Streit am Wochenende. Wieder einmal gerieten sie sich in die Haare, schrieen sich an. Das Vorwurfs-Ping-Pong war voll im Gange mit einem verbalen Schmetterball nach dem anderen. Zuerst bemerkten sie gar nicht, dass Timmy kreidebleich vor Angst wurde. Es kamen ihm auch ein paar Tränen. Schon früher hatte er gebettelt, dass sie nicht streiten sollten. Vergebens. Voll in Rage und voller Wut aufeinander stritten sie wieder.

       Eltern wenden sich voneinander ab und das Kind bleibt alleine zwischen beiden

Erst als Timmy mit seinem Köfferchen in den Händchen aus seinem Zimmer kam und sich im Flur seine Jacke anzog, bemerkten sie ihn wieder. "Was ist denn? Wo willst du denn hin?" fragten sie verblüfft. "Ich geh' weg. Ich geh´ dorthin, wo man nicht so viel streitet." Er zeigte auf sein buntes Köfferchen, das er von den Großeltern geschenkt bekommen hatte, wenn er mal bei denen übernachtete. "Da hab ich meine Sachen drin und auch den Schlafbären."

So antwortete Timmy, nun wieder voller Tränen, und wollte die Wohnung verlassen. Nun war es an den Eltern, zu erschrecken und bleich zu werden. Sie guckten sich an, und beide schämten sich. Sie wandten sich ihrem Sohn zu, trösteten ihn und gelobten Besserung, damit er bei ihnen bliebe. Was Timmy dann auch tat - ganz doll erleichtert.

Zwar wurde dadurch kein Konflikt des Paares beendet, d.h. eine für beide befriedigende Lösung erarbeitet. Aber beide wurden sich schlagartig bewusst, dass ihr Kind das schwächste Glied in der Familienkette ist. Familienstress belastete das kleinste Familienmitglied am stärksten. Die Eltern hatten übersehen, dass ihr Paarstress von Timmy nicht mehr zu ertragen war, dass dieser kleine Junge Hilfe und Entlastung brauchte, nicht nur sie als Erwachsene.

Auch wir kamen ins Nachdenken. Bislang hatten wir nur Beratungsangebote für die erwachsenen Familienmitglieder, die Eltern. Für die schwächsten, die Kinder oder Jugendlichen, hatten wir bislang an die Erziehungsberatungsstelle weiterverwiesen. So war die jahrzehntelang gültige Arbeitsteilung irgendwann einmal beschlossen worden. Sollte das so bleiben? Konnten wir das weiterhin vertreten? Nichts gegen Spezialisierung, damit man Beratungsaufgaben mit der bestmöglichen Kompetenz ausführen kann. Aber reißt man dadurch nicht zusätzlich die Familien auseinander? Gehen Eltern, die mal bei einer Beratungsstelle gelandet sind und sich dort gut beraten fühlen, in einem zweiten Anlauf noch zu einer zweiten Stelle, wo sie wieder von vorne erzählen müssen? Gebietet es nicht die psychologische Fachlichkeit, die verschiedenen Fäden einer Familienproblematik zusammenzuknüpfen, statt auf verschiedene Beratungsspezialisten aufzuteilen, also zu trennen? Müssen wir uns nicht von einer reinen Psychologischen Beratungsstelle für Erwachsene in eine integriertere Beratungsstelle umwandeln, die auch für Kinder und Jugendliche offen ist? All diese und andere Überlegungen stellten unser bisheriges Vorgehen in Frage.

Neuere Konzepte der Evangelischen Kirche wollen ebenfalls die "reine" Eheberatung weiterentwickeln, auch wegen des neuen Kindschaftsrechts 1999, das eine Mitbeteiligung von Kindern und Jugendlichen bei sie betreffenden Fragen fordert. Anfang 2001 wurde von der Kirchenleitung der EKHN entschieden, dass alle Psychologischen Beratungsstellen integriert sein sollen.

Wir sind dabei, uns umzuwandeln in eine Integrierte Psychologische Beratungsstelle (IPB). Die Evangelische Kirche ist sehr für diese Metamorphose und wird uns deshalb weiterhin fördern. Der Vertrag mit dem Kreis Offenbach läuft zum 31.12.2002 aus. Wir sind in Verhandlungen mit fachlich bzw. politisch Verantwortlichen, in aller Offenheit und ohne unnötige Konkurrenzen zu unseren bisherigen Kooperationspartnern. Inzwischen steuern wir die zusätzliche Integration von Sozial-, Migrations-, Schwangeren-/Schwangerschafts-konflikt-, Sucht- und Schuldnerberatung sowie dezentraler Familienbildung an (Erziehungs- und Familienberatungszentrum „EFBZ; siehe vorhergehenden Artikel).

Im nächsten Jahr planen wir, eine Gruppe für von Trennung und Scheidung betroffene Kinder anzubieten. An Nachfrage mangelt es auch wegen der hessenweit zweithöchsten Scheidungsraten des Landkreises Offenbach wohl nicht. Ob dieser Plan gelingt, wird von vielem und vielen abhängen. Wünschen Sie uns viel Erfolg! Damit wir auch Timmy, Max, Carmen, Anna, Juliane, Kevin und die anderen schwächsten Familienmitglieder in schwierigen Familienzeiten unterstützen können.

Michael Gallisch

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