Jahresbericht 2002
5. Mit-ein-ander in Ehe und PartnerschaftAuf Einladung der Baptistengemeinde in Darmstadt gestaltete ich im November 2002 zu diesem Thema einen Abend. 40 Paare nahmen teil und brachten – im Paargespräch, in Kleingruppen und im Plenum – eigene Erfahrungen ein. Seit Jahren hat ein Holzschnitt von Detlef Willand (s.u.) einen zentralen Platz in meinem Beratungszimmer. Immer wieder beziehe ich das Bild in Beratungsgesprächen mit ein. Es kann verdeutlichen, in welcher Phase ihrer Beziehung Ratsuchende stehen. Es kann anregen sich vorzustellen, wie es weitergehen könnte. Im folgenden möchte ich – ausgehend von diesem Bild – einige Erfahrungen und Grundgedanken aufzeichnen, die ermutigen, eine Paar- und Partnerbeziehung nicht als Status, sondern vielmehr als Prozess zu verstehen und zu leben (procedere d.h. weitergehen, vorwärts gehen). |
Zunächst ein paar Anmerkungen zum BILD. Vielleicht nehmen Sie sich einen Moment Zeit, selber zu entdecken… Ein Baum mit (im Original goldenen) Blättern. Darin versteckt und erkennbar zugleich zwei Figuren: Ein Mann und eine Frau. Sie sind voneinander abgewandt. Mit ihren Händen halten sie gemeinsam eine goldene Kugel-Frucht. Das Bild hat den Titel: BAUM DER ERKENNTNIS. Und so ist die Geschichte: Da ist eine gemeinsame Basis als Wurzelgrund für einen Mann-Frau-Baum. Der Stamm ist kräftig. Der Baum ist in die Höhe und in die Breite gewachsen, trägt Blätter und Früchte. Jetzt hält das Paar eine Frucht vom Baum der Erkenntnis in Händen. Unumgänglich, im Lauf der Zeit davon zu essen. |
Welche Auswirkungen hat das? „DA WURDEN IHNEN BEIDEN DIE AUGEN AUFGETAN…“. Diese Worte (Zitat aus 1. Mose 3) hat der Künstler links unten am Stamm eingeschnitzt (in der vorliegenden Kopie nicht erkennbar) Was sehen die beiden jetzt? Im Bibeltext heißt es weiter: „…und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren.“ Das bedeutet: Sie sehen sich selber und den anderen unverhüllt. Sie erkennen, wie unterschiedlich, wie andersartig sie – bei aller Gemeinsamkeit – sind. Erstaunen, Neugier, Reiz, Anziehungskraft. Aber auch Enttäuschung, Befremdlichkeit, Differenzen, Spannung. Also doch nicht „ein Herz und eine Seele“, wie anfangs gehofft! Unterschiedliche Interessen und Begabungen und Bedürfnisse. Ecken und Kanten. „Disteln und Dornen“. Realität des Alltags. Immer deutlicher erkennen die beiden, was für einen Unterschied es macht, als Mann oder als Frau in dieser Welt zu leben, zu denken, zu empfinden, zu sein…. Gegensätze: Widersprüche. Differenzen. Unterschiedliche Sprache. Missverständnisse. „Du bist so anders als ich (bzw. als ich gedacht, gehofft, gewünscht).“ Es ist wichtig, das wirklich wahrzunehmen und ernst zu nehmen, sich selber und dem Partner/der Partnerin nichts vorzumachen (der/die hat es in der Regel ohnehin längst gemerkt!). |
Der Prozess – im Bild und meist auch im Leben – geht noch weiter: Die beiden wenden sich voneinander ab, sehen in unterschiedliche Richtungen, die Aus-ein-ander-setzungen nehmen zu. Der gemeinsame Stamm bekommt zusehends Risse. Er droht auseinander zu brechen. Das ist ein oft langwieriger, mühsamer und schmerzlicher Prozess. Sprachlosigkeit. Angst. Verzweiflung. Einsamkeit. Grenzerfahrungen. Einer von beiden spricht es schließlich aus, das Wort: TRENNUNG. In dieser Phase kommen viele Paare zur Beratung. So ist das: Wir erwarten – im Leben und in der Liebe – Beständigkeit, Haltbarkeit, Dauer. Wir wollen das Gute (und einander) festhalten, manchmal sogar festnageln. Doch die einzig mögliche Fortdauer des Lebens, wie der Liebe, liegt im Wachstum. Das bedeutet Veränderung und Ent-wicklung. Ist Trennung also unvermeidlich? Ich meine: Ja. Aber meist nicht, wie viele Partner meinen, im äußeren Sinn. Es geht um Trennung von Erwartungen und Vorstellungen, von Bildern und Gewohnheiten und Verhaltensmustern. Es geht um Rücknahme von Zuschreibungen und Projektionen. „Wenn Du (nicht) …“, „Weil Du …“. Es geht darum, die eigenen Anteile zu sehen und zu übernehmen und zu verantworten. Es geht um Abschied aus einer Partner- und/oder Lebensphase. |
Was nun, was tun? Gerade in dieser Phase ist es besonders wichtig, geradezu not-wendig, im Gespräch mit-ein-ander zu sein, sich mit-zu-teilen und auszutauschen über Gedanken, Gefühle, Hoffnungen, Ängste, Wünsche, über Wahrnehmungen bei sich und beim anderen, über diesen Prozess, der selten von beiden zugleich und in derselben Intensität gewollt und vollzogen wird. „Die Wahrheit beginnt zu zweit“ ist der Titel eines Buches von L.A. Moeller, das Zwiegespräche ermöglichen und fördern will, und das ich (spätestens) in dieser Phase empfehle. Das Problem ist nicht die Andersartigkeit – unsere Welt besteht aus Polaritäten -, sondern wie wir damit umgehen. Immer wieder erlebe ich in Beratungen, wie erleichternd und befreiend es für Partner sein kann, sich selber und einander offen einzugestehen, was sie, z. T. radikal, voneinander unterscheidet. Das bedeutet Spannung und Trennung innerlich und äußerlich wahrzunehmen, auszuhalten, mehr noch: sie zu gestalten. Es geht um die Frage, wie das Eigene und das Andere/Fremde erlebt und gewertet werden. Kann ich mich durch den anderen Menschen herausfordern und in Frage stellen lassen? Kann ich mich durch ihn korrigieren und ergänzen lassen? Ist es möglich, das jeweils Eigene zu vertreten und in die Beziehung einzubringen? Sind die Partner bereit, voneinander und miteinander zu lernen? An dieser Stelle sei ein Abschnitt des irischen Schriftstellers O´Donohue eingefügt: „Eines der kostbarsten Dinge, die wir uns in jeder Freundschafts- oder Liebesbeziehung unter allen Umständen bewahren sollten, ist unser ANDERSSEIN. Allzu leicht kann es im Kreis der Liebe geschehen, dass der eine Partner unbewusst anfängt, den anderen zu imitieren oder sich nach des anderen Bild neu zu entwerfen. Wenngleich solche Neigungen als Ausdruck des Wunsches nach vollkommener Hingabe aufgefasst werden können, bergen sie doch erhebliche Gefahren in sich. Ich habe einmal einen alten Mann kennen gelernt… Er hatte ein recht ungewöhnliches Hobby: Er sammelte Fotos von frisch verheirateten Paaren. Acht bis zehn Jahre später besorgte er sich von jedem Ehepaar ein neues Foto. Anhand der zwei Bilder wies er dann nach, dass und in welchem Ausmaß der eine von beiden Partnern sich dem anderen bereits angeglichen hatte. Eine solche homogenisierende Kraft macht sich früher oder später in den meisten Beziehungen bemerkbar, und sie wirkt sich immer negativ aus, da es ironischerweise in der Regel gerade die Verschiedenheit ist, die einen Menschen für den anderen anziehend macht. Daher müssen wir uns darum bemühen, unser Anderssein zu pflegen und unter allen Umständen zu bewahren… Die Liebe sollte uns den Mut und die Freiheit schenken, unser vollkommenes Potential zu bejahen, anzunehmen und zu verwirklichen. Damit wir unser Anderssein in der Liebe bewahren können, benötigen wir viel Freiraum für die Seele… Alles, was wächst, bedarf des Raumes. Khalil Gibran, ein arabischer Schriftsteller, sagte: „Doch lasset Raum zwischen Eurem Beisammensein, und lasset Wind und Himmel tanzen zwischen Euch.“ Raum gestattet dem Anderssein, welches uns ausmacht, seinen eigenen Rhythmus und seine eigene Form zu finden.“ Wie geht die Bild-Geschichte weiter? Oft überlegen Ratsuchende und Beraterin gemeinsam: Wie könnte ein nächster Schritt aussehen? Wer macht ihn zuerst? In welche Richtung wird er gehen? Was macht das mit dem Partner/der Partnerin? Wie weit kann oder muss die Trennung gehen? Werden sich die Partner – wenn sie selbständig und eigenständig geworden sind und Abstand gewonnen haben – einander wieder zuwenden? Gehen die Wege auseinander? Werden sie sich ab und an kreuzen? Gibt es noch gemeinsame Wegstrecken oder Treffpunkte oder Aufgaben (z.B. wenn Kinder da sind)… Hier kommt das Baum-Bild an seine Grenze. Schließlich sind wir Menschen keine Bäume. Wir können uns frei bewegen, können Standpunkte und Standorte wechseln, können uns im Kreis drehen, können aufeinander zugehen und voneinander weggehen, Nähe und Distanz verändern… Vielleicht trifft jetzt ein anderes Bild zu: „Eine gute Beziehung ist wie ein Tanz. Die Partner bedürfen keines festen Haltes aneinander, denn sie bewegen sich vertrauensvoll nach der gleichen Choreografie… Hier ist kein Raum für besitzergreifende Umklammerung… nichts als eine leise Berührung im Vorübergehen. Sei es Arm in Arm, sei es Auge in Auge, sei es Rücken an Rücken – das bleibt sich gleich. Denn man weiß, dass man Partner des anderen ist“ (Anne Morrow Lindbergh). Ich gehe noch einige Schritte weiter im Prozess des Miteinanders und nehme einen Gedanken von R.M. Rilke auf: „Das Bewusstsein vorausgesetzt, dass auch zwischen den nächsten Menschen unendliche Fernen bestehen bleiben, kann ihnen ein wundervolles Nebeneinander -wohnen erwachsen, wenn es ihnen gelingt, die Weite zwischen sich zu lieben, die ihnen die Möglichkeit gibt, einander immer (hie und da wäre schon viel! Anm. d. Verf.) in ganzer Gestalt und vor einem großen Himmel zu sehen“. Das ist ein schönes Bild, aber wer kann es im Leben verwirklichen? Dennoch: es geht um Verständigung, um eine Richtung, in die der Prozess des Miteinanders führen kann. Jeder Schritt, mag er noch so zögernd sein, zählt. Abschließend und weiterführend zugleich noch einmal zum MITTE(L)-PUNKT des Bildes. Die goldene Frucht hat die Form einer Kugel, Symbol für Ganzheit. Die Frucht vom BAUM DER ERKENNTNIS zu essen ist Ausgangspunkt für einen Prozess von Veränderung und Entwicklung. Er führt zu der Einsicht, dass (und wie) die Verschiedenheit und die Polaritäten, die unser Leben und unsere Welt bestimmen, einander bedingen, brauchen, herausfordern und ergänzen. Die goldene Kugel erinnert auch und zugleich an die Frucht vom BAUM DES LEBENS (den zweiten Baum im Paradies). Leben ist niemandes Besitz, alles hat daran Anteil. Das bedeutet umgekehrt, dass jeder Mensch seinen je eigenen und wichtigen An-Teil an Verantwortung hat für das gemeinsame Ganze. Was für die Beziehung zwischen Mann und Frau zutrifft, gilt für jede Beziehung, auch die zwischen Völkern, Religionen und Kulturen. Das gemeinsame Ganze im Blick zu behalten ist wichtig bei jedem Schritt im Prozess des MIT-EIN-ANDER-SEINS. Doris Kimmel |