Jahresbericht 2002

4. Die Beratungsstelle in Entwicklung
4.1. Strukturelle und inhaltliche Rahmenbedingungen

Unser vergangenes, gegenwärtiges und zukünftiges Handeln als BeraterInnen findet statt in einem gesellschaftlichen, politischen und kirchenpolitisch geprägten sozialen Raum, der uns einen bestimmten Rahmen absteckt. Gegenwärtig ist nur eines sicher, nämlich das beinahe alles unsicher und in Veränderung begriffen ist. Sowohl „Vater Staat“ als auch “Mutter Kirche“, die finanziellen Hauptsponsoren unserer konkreten Beratungsarbeit für Einzelne, Paare und Familien, sind in Veränderungsprozessen, die nicht nur, aber auch durch finanzielle Erwägungen geprägt sind.

Mindmap Rahmenbedingungen


4.1.1. Strukturelle Rahmenbedingungen

Eine bedeutsam in der nahen Zukunft veränderte Rahmenbedingung struktureller Art ist u.E. in der geplanten Kommunalisierung zu sehen, die in unserem Nachbarkreis Groß-Gerau (und in Kassel) im Lande Hessen bereits projektmäßig erprobt wurde und wird. Leistungen des Landes in den verschiedenen sozialen Bereichen werden nicht mehr an einzelne Träger, Kommunen oder Einrichtungen vergeben, die jeweils mit dem Land ihre Zuschüsse bzw. Forderungen aushandeln bzw. Rechtsansprüche auf Finanzierung erfüllt bekommen. Vielmehr wird in Zukunft das Land der Region, also dem Landkreis, ein Sozialbudget, in dem all diese sozialen Leistungen zusammengefasst sind, zur autonomen Verwendung zur Verfügung stellen. Das bedeutet, dass die Entscheidungen über Steuerung und Finanzierung der sozialen Aufgaben und Leistungen in der Region getroffen werden, was eine Veränderung im Verhältnis der sozialen Leistungsanbieter untereinander und zum Kreis bewirken wird.

Unseres Erachtens ist daneben ein Trend – auch angesichts der finanziellen Engpässe aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Situation – zu beobachten, der zur Bündelung von Aufgaben, zur Effektivierung der sozialen Arbeit und zur Integration unterschiedlicher Angebote weg von dem z.T. hoch differenzierten, zersplitterten, wenn auch kooperierenden Angebotsspektrum, das für Familien z.T. unübersichtlich geworden ist. Kommunikation, Kooperation und Integration können und sollten in der Region die Folge sein. Integration kann dabei nicht bedeuten, weniger zu helfen oder schlechter zu helfen, d.h. die Qualitätsstandards in der psychosozialen Arbeit sind zu gewährleisten, eine wichtige Aufgabe der Beratungsanbieter bzw. ihrer Träger: “Lieber keine Beratung als eine schlechte Beratung!“

Ähnlich wie in der staatlichen Sphäre geplant, wurde in der Evangelischen Landeskirche in Hessen und Nassau (EKHN) eine Kirchenreform hin zur so genannten mittleren Ebene durchgeführt. Die Kirchendekanate erhalten gegenüber der Landeskirchenzentrale eine höhere Bedeutung, auch in der Verteilung finanzieller Mittel. So wie das Land Hessen erwartungsgemäß Entscheidungen dezentralisieren wird, so wird es in der Landeskirche in Hessen und Nassau (EKHN) bereits praktiziert. Dies bedeutet eine intensivere Kooperation der gemeindlichen und übergemeindlichen Arbeit, um Doppelungen zu vermeiden und die Kräfte zu bündeln.

In der Mutterorganisation unserer Beratungsstelle, dem Diakonischen Werk in Hessen und Nassau (DWHN), das als eingetragener Verein eine gewisse Autonomie gegenüber der EKHN hat, passierten und passieren ebenfalls vielfältige Veränderungen: in der Führungsspitze, in der Gewichtung von Arbeitsbereichen und Funktionen, im Organigramm und in den Arbeitsschwerpunkten der ambulanten Beratungsarbeit.

Die Kommunikation zwischen verfasster Diakonie und Kirchengemeinden vor Ort, das Ausloten und Ausprobieren von Kooperationen für gemeinsame Ziele sind eine Zukunftsaufgabe, wie sie von uns schon vor einiger Zeit im Projekt „Partnerschaft Kirchengemeinden und Diakonie“ für drei Kirchendekanate begonnen wurde.

Durch den Kreis Offenbach, in dem unsere Beratungsstelle liegt, wurde ein Sozialstrukturatlas erstellt, der in unterschiedlichen Regionen, Städten und Sozialräumen anhand verschiedener statistischer Daten soziale Belastungen feststellt. Als Städte mit besonderer Belastung in unserer Region (Zahlen von Arbeitslosigkeit, Sozialhilfebezug, Integration von Ausländern, Zahl der Scheidungen, der Alleinerziehenden, der Familiengröße usw.) wurden Dietzenbach und Langen benannt (Seiten 4f., 26, 33, 35, 42f., 47). In Langen befinden sich unsere Beratungsräume.
Sozialstrukturatlas 2000 Kreis Offenbach am Main

Besondere Belastungen für die Bürgerinnen und Bürger konstellieren einen besonderen Beratungsbedarf. Unsere Beratungsstelle ist seit 1994 in der Stadt Langen angesiedelt. Neben unseren Aktivitäten versuchen Politiker, Sozialplaner, Stadt- und Kreisverwaltungen, Fachleute und engagierte Bürgerinnen und Bürger mit Verbesserungsvorschlägen und Initiativen, mit Konzepten und Planungen sowie deren Realisierung, besonders belastete Regionen zu entlasten (z.B. das Projekt „Soziale Stadt - Langener Nordend“) und die Beratungslandschaft als Teil der sozialen Angebote zu optimieren, um Familien in allen Phasen ihrer Entwicklung ein besseres Leben zu ermöglichen. Das RDW beteiligt sich auf verschiedenen Ebenen an diesen Aktivitäten, z.B. dadurch, dass es verschiedene Beratungsstellen und Hilfeeinrichtungen in Stadt und Kreis Offenbach bzw. den drei Kirchendekanaten Offenbach-Dreieich-Rodgau bereit hält:

Kreisgebiet Offenbach und Standorte des Diakonischen Werkes Offenbach-Dreieich-Rodgau

Logo der Diakonie = Beratungsstelle/Büro des Diakonischen Werkes Offenbach-Dreieich-Rodgau
Beratungs– und Hilfsangebote des RDW:

Allgemeine Lebensberatung, Schwangeren– und Schwangerschaftskonfliktberatung (Dreieich und Offenbach)
Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung (Offenbach)
Dezentrale Familienbildung ab 10/2002 (Langen)
Psychologische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensberatung (Langen, Dreieich, Offenbach)
Schuldner- und Insolvenzberatung (Dreieich, Rodgau, Offenbach)
Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle (Neu Isenburg, Rödermark)
Tagesstätte für psychisch kranke Menschen (Rödermark)
Betreutes Wohnen für psychisch kranke Menschen (Rödermark)
Seniorenbegegnungsstätte/Seniorenbüro (Dreieich)
Hilfen für wohnungslose Menschen, Wohn– und Übernachtungsheim,
Beratungsstelle, Teestube, Möbel– und Kleiderdienst (Offenbach)

(kursiv gedruckt = diese Stellen sind bislang vorgesehen für und beteiligt am Integrationsprozess zum Erziehungs– und Familienberatungszentrum)

Vor allem im Hinblick auf Familien mit kleinen Kindern, Schulkindern und Jugendlichen hat die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) im Auftrag des Kreisjugendhilfeausschusses bzw. des Kreises Offenbach 1999 bis 2001 eine kreisweite Studie erstellt, um die Bedarfslagen und Angebote hinsichtlich Erziehungsberatung im Landkreis festzustellen. Diese bundesweit einmalige und überregional sehr beachtete Studie kam zu dem Ergebnis, dass der Mittel- und Westkreis Offenbach mit Erziehungsberatung deutlich unterversorgt ist. Familien mit Kindern und Jugendlichen unterschiedlichen Alters können diese häufigste Hilfe zur Erziehung (§ 28 des Kinder– und Jugendhilfegesetzes) nicht in ausreichendem Maße wahrnehmen, weil das Angebot nicht oder nur behelfsweise zur Verfügung steht (siehe Abbildung unten).
Jugendhilfeplanung für Erziehungs- und Familienberatung bke-Modellprojekt Kreis Offenbach
bke Materialien zur Beratung Band 9
bke - Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V.


4.1.2. Inhaltliche Rahmenbedingungen

Die EKHN und das DWHN haben in 2002 das neue „Rahmenkonzept Psychologische Beratungsarbeit“ veröffentlicht, wie es von der Kirchenleitung verabschiedet wurde (siehe Internetadresse:

http://www.zsb-ekhn.de/download/zsb_psych_berat.pdf).

Dieses stellt die Integrierte Psychologische Beratungsstelle in den Mittelpunkt, wonach in Zukunft Erziehungsberatung und Ehe-, Familien- und Lebensberatung nicht mehr in getrennten Einrichtungen, sondern integriert unter einer Leitung und Verwaltung angeboten werden sollen.

Evangelische Kirche in Hessen und Nassau: Rahmenkonzeption

 

Das bedeutet für uns als Langener Psychologische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen einen Entwicklungsauftrag, uns für Kinder und Jugendliche zu öffnen, Angebote für diese Zielgruppe zu entwickeln und nicht mehr nur Erwachsene zu beraten, die ja meistens Eltern sind. Es bedeutet auch, uns mittelfristig weiterzuentwickeln, nach der jahrzehntelangen Arbeitsteilung mit der kreiseigenen Erziehungsberatungsstelle in der sechs Kilometer entfernten Nachbarstadt Dreieich, wohin wir betroffene Kinder und Jugendliche schickten, während wir von dort Paare oder einzelne Erwachsene überwiesen bekamen.  Schattenbild: Erwachsene und ein Kind

 

In 2001 wurde von dem damaligen Referenten des DWHN für Allgemeine Soziale Arbeit Herbert Reininger ein Konzept über Allgemeine Lebensberatung federführend erarbeitet, nach dem die Evangelischen bzw. Diakonischen Lebensberatungsstellen im Bereich Hessen und Nassau sich ausrichteten. In vielen Punkten gibt es Überschneidungen mit dem neuen Konzept des Deutschen Berufsverbandes für SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen und HeilpädagogInnen (DBSH), das im November 2002 verabschiedet wurde (siehe “Qualitätsbeschreibung Sozialprofessionelle Beratung“; Internetadresse: „http://www.dbsh.de/html/beratung.html“). DBSH - Qualitätsbeschreibung

 

Nimmt man noch die Evangelische Dezentrale Familienbildung hinzu, die für Familien, die sich durch die Geburt eines Kindes gerade neu gebildet haben oder schon länger existieren, vielfältige Angebote in Hunderten von Kursen bereitstellt, die dezentral in über 40 Kirchengemeinden im Landkreis stattfinden, dann hat man drei konzeptionelle Säulen, auf denen unser Erziehungs- und Familienberatungszentrum stabil stehen soll: Allgemeine soziale Beratung, Familienbildung auch in präventiver Wirkung, Psychologische Beratung. Programmheft der Evangelischen Dezentralen Familienbildung Dreieich-Rodgau 2003

In der Tradition unseres RDW liegt ein besonderer Schwerpunkt auf interkultureller Beratung, wovon unsere Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung zeugt sowie u.a. eine Veröffentlichung aus dem letzten Jahr zum Thema:

Kapitel 36
Transkulturelle Paar– und Familientherapie
M.Gallisch, A. von Schlippe, M. El Hachimi
36.1 Konzepte für die Arbeit mit Menschen aus anderen Kulturen 599
36.2 Rahmenbedingungen, Behandlungskontext, gesellschaftliche, soziale
und institutionelle Vorgaben 600
36.2.1 Exkurs zum Thema "Sprache" 602
36.3 Therapeuten, Berater, Heiler, therapeutische Dienstleister 605
36.4 Ratsuchende, Patienten, Klienten, Kunden anderer kultureller bzw.
nationaler Herkunft 607
36.5 Handwerkszeug: Paar- und familientherapeutische Methoden 610
36.5.1 Tiefenpsychologisch orientierte Herangehensweisen 610
36.5.2 Systemische Herangehensweisen 612
36.6 Abschließende Bemerkungen 617

Fachbuch Springerverlag: M.Wirsching und P.Scheib - Paar- und Familientherapie

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Kapitel 4.2.: Aktivitäten unseres regionalen Diakonischen Werkes Kapitel 4.3.: Das EFBZ - Erziehungs- und Familienberatungszentrum Kapitel 4.4.: Das Projekt Organisationsentwicklung Kapitel 4.5.: Implementierung Kapitel 4.6.: Gemeinsame Kultur Familienberatung und -bildung