Jahresbericht 2002
4. Die Beratungsstelle in Entwicklung
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| Neben organisatorischen Maßnahmen, wie wir sie in unserem Organisationsentwicklungsprozess skizzierten und neben dem „Faktor Mensch", der in psychosozialen, psychologischen und pädagogischen Einrichtungen zentral ist, auch wenn er z. T. nicht steuerbar ist, ist für die Entwicklung einer Organisation zur integrierten Beratung die gemeinsame Identität in der Arbeit mit dem Klientel wichtig. Fundament unserer Beratungs- und Organisationskultur sind das Leitbild unseres Diakonischen Werkes, der christliche Background unseres professionellen Handelns, sozusagen der christliche Humus, auf dem ganz unterschiedliche Pflanzen wurzeln und gedeihen können. Daneben möchten wir jedoch unsere integrative Arbeit durch fachliche Grundsätze, Methodiken und praxeologische Ansätze absichern, die sowohl für verschiedene Professionen im integrierten Team als auch für verschiedene Handlungsfelder (Beratung in ihrer fachlichen Differenziertheit und Bildung in ihrem umfassenden Anspruch) gelten können. |
Betrachtet man Beratung und Bildung auf Zielgruppen, Methodik, Themen und Ziele hin, findet man Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
Im Folgenden sollen vier Theorieansätze aus der pädagogischen, der sozialarbeiterischen und der psychotherapeutischen Diskussion als Bausteine der gemeinsamen Bildungs-, Beratungs- und Therapiekultur unter einem integrativen Dach benannt werden: Resilenz, Empowerment, Transitikonskompetenz und Ressourcenaktivierung. |
Resilenz bezeichnet die Fähigkeit von Individuen oder menschlichen Systemen (z. B. Familien), sich an akut oder chronisch belastende Lebenssituationen effektiv anzupassen. Ähnlich wie das menschliche Immunsystem auf biologischer Ebene den Körper vor eindringenden Bakterien und Viren schützt, ist Resilenz als das erfolgreiche psychische und soziale Umgehen mit kritischen und krisenhaften Lebensereignissen zu verstehen, um das Individuum in seinen sozialen Bezügen vor persönlichen und beziehungsmäßigen Schäden zu bewahren.
Empowerment bedeutet übersetzt Selbstbefähigung oder Selbstbemächtigung. Dieses Konzept aus der Sozialarbeit, das eigentlich aus dem Bereich der Politik stammt, versucht die Frage zu beantworten: Wie kann es Menschen gelingen, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, ihre Selbsthilfemöglichkeiten zu nutzen, um auf möglichst wenig Unterstützung von außen angewiesen zu sein, ihr Leben und auch ihre Behandlung (!) selbst bestimmt nach ihren Vorstellungen zu gestalten? (siehe Norbert Herriger, 2002). Transitikonskompetenz ist eine Fähigkeit, die zur Bewältigung von lebensgeschichtlichen Übergängen gebraucht wird. Entwicklungsherausforderungen, Entwicklungsaufgaben, die mit (individuellen und familiären) Übergängen verbunden sind, müssen bewältigt werden. Beispiele für derartige Übergänge sind die Veränderung durch das erste Kind, wenn das Paarleben zum Familienleben wird, der Übergang eines Kindes aus dem Kindergarten in die Schule, der Eintritt ins Berufsleben oder der Eintritt von Arbeitslosigkeit, wenn ein Mensch aus dem Status eines Berufstätigen in den eines ohne bezahlte Arbeit wechseln muss. Derartige Übergänge sind häufig verdichtete Belastungszeiten, in denen man sich von etwas Altem, Vertrautem trennen muss und sich auf etwas Neues einzustellen hat. Derartige Übergänge („Statuspassagen") bieten häufig Chancen für konzentrierte Lernprozesse, erhöhte Sensibilität, intensive Analyse von Problemen und das Entwickeln und Ausprobieren neuer Bewältigungsstrategien. (siehe Kurt Kreppner, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, 2002). Ressourcenaktivierung ist ein Terminus aus der Psychotherapieforschung und meint das Ansprechen bestehender Fähigkeiten und Stärken sowie das Anknüpfen an positive Erfahrungen in therapeutischen Prozessen. Eine Ressource kann jeder Aspekt des seelischen Geschehens und der Lebenssituation bzw. Biografie sein, z. B. Ziele, Interessen, Überzeugungen, Wissen, Gewohnheiten, Kompetenzen, Interaktionsstile, physische Merkmale, Beziehungen, Erfahrungen, finanzielle Möglichkeiten, Ausdauer, Motivationen. (Klaus Grawe, 1999). Auch wenn diese Fachbegriffe der geneigten Leserschaft, die nicht in Fachdiskursen beheimatet ist, wie „fach-chinesisch" vorkommen mag, verbergen sich dahinter doch ernst zu nehmende Ziele und Methodiken der hilfreichen Arbeit mit leidenden und Rat suchenden Menschen. Sie lassen sich durch weitere ergänzen. |
Abschließend ein konzentriertes Schaubild, um auf einen Blick in Form einer Mind-Map unsere Überlegungen zu illustrieren. |