Jahresbericht 2002

6. Psychologische Beratung und Familienbildung – auf zwei Paar Schuhen zum gleichen Ziel?

Seit Anfang diesen Jahres ist das RDW als Anbieter sozialer Beratungs- und Betreuungsarbeit zusammen mit den Dekanaten Dreieich und Rodgau Träger der Ev. dezentralen Familienbildung eingestiegen mit dem Ziel, Beratungs- und Bildungsangebote künftig enger zu verknüpfen.

Anlass für einen Blick auf zwei unterschiedliche Begriffswelten.

6.1. Bildungshoheit versus Beratungsfreiheit

Beratung und Bildung –beide fangen mit B an und hören mit –ung auf.

Beide funktionieren komplementär in dem Sinne, dass die Beteiligten am jeweiligen Prozess sich nicht als Gleichgestellte gegenüber stehen.

Doch damit enden erst einmal die Gemeinsamkeiten, denn während die „Bildungshoheit“ via Kultusministerium, Lehrinstitut und Schule durch den Lehrer über die zu Bildenden ausgeübt wurde und wird, liegt die „Beratungshoheit“ – sofern es eine solche überhaupt gibt - wenn schon dann beim zu Beratenden. Er entscheidet selber, sowohl zu welchem Berater er gehen will, als auch welchen Rat er für wertvoll achtet und anzunehmen gedenkt und welchen er lieber in den Wind schlagen möchte. Dabei steht es ihm sowohl frei, schlechten Rat anzunehmen und guten zu verwerfen, als auch umgekehrt. Schließlich ist er es, der mit den Konsequenzen dieser seiner Entscheidung leben muss und nicht der Berater.

Dem zu Bildenden hingegen ist es oft nicht freigestellt, was er anzunehmen, was zu verwerfen er gedenkt. Schon gar nicht wenn er minderjährig ist und der Schulpflicht unterliegt: Dann hat er die Kost, die ihm von Lehrer- und Erzieherseite vorgesetzt wird, zu schlucken und möglichst auch zu verdauen, will er seine Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe und Akzeptanz nicht schon im Frühstadium zunichte machen. Die Freiheit der Wahl räumt man ihm erst ab der Schwelle zum Erwachsenenalter ein. Und auch da nur im Hinblick auf die Form der Aus-Bildung, nicht aber auf deren Inhalte.

6.2. Bildung als gesellschaftspolitisches Instrument

Bildung steht in einer Tradition von Forschung und Lehre, die vermutlich in einer Zeit weit vor der Antike ihren Anfang hat, getragen von dem Wunsch nach Verstehen, Erklärung und Verbesserung menschlicher Existenzbedingungen in einer nicht-menschlichen Umwelt.

Bildung vermittelt die gewonnenen Erkenntnisse und macht einen Teil davon zu kollektivem Wissen. Dabei verfolgt sie ein doppeltes Ziel: sie will zum einen Faktenwissen vermitteln, um dem Einzelnen zu einem Überleben in einer heute überwiegend vom Menschen geprägten Umwelt zu befähigen. Zum anderen will sie Persönlichkeiten bilden, um – je nach (kultur-) politischer Doktrin – den Einzelnen zu einem ergebenen Untertan seiner Majestät oder aber einem kritischen Demokraten zu formen. Hierbei spielt das Wie der Bildung eine ebenso große Rolle, wie das Was.

Anders als zu Bismarcks Zeiten wird ein guter Pädagoge heute eher individuelle Potentiale und soziale Kompetenzen fördern, als stures Pauken und preußischen Gehorsam. Und doch bleibt das normative Element in der Bildung bestehen, soll es doch dafür sorgen, dass innerhalb eines Staates ein kollektives Basiswissen und einheitliche Ausbildungsstandards existieren. Und, quasi als Nebenprodukt, so etwas wie ethische Werte und ein staatsbürgerliches Selbstverständnis.

Nicht- staatliche Bildung, die keinem Monopol unterliegt, findet über eine Vielzahl von privaten Fort- und Weiterbildungsinstituten statt, aber auch – und in erheblichem Maß – über die flächendeckend verbreiteten Volkshochschulen und kirchlichen Bildungsstätten.

Hier weht ein freierer Wind. Unbelastet von gesellschaftspolitischen Notwendigkeiten kann der Einzelne nach eigenem Gusto seinen persönlichen Bildungsbedarf definieren oder auch schlicht etwas für sein körperliches und seelisches Wohlbefinden tun: Rückengymnastik, Yoga und autogenes Training erfreuen sich in den freien Bildungsstätten seit Jahren großer Beliebtheit.

Hier ist der Bildungsbegriff gegenüber einer Dienstleistung am alltagsgeplagten Individuum in den Hintergrund getreten. Das Subjekt hat sich von seiner Rolle als Unterworfener eines hoheitlichen Bildungsaktes emanzipiert und zum Autor der eigenen Bildungsbemühungen aufgeschwungen.

Und doch steht auch hinter diesem bunten Angebot aus Bildung, Begegnung und Freizeitaktivität eine Vorstellung, ein Leitbild von Bildung, welches die Inhalte und ihre Auswahl bestimmt.

6.3. Beratung als Rückzug ins Kabinett

Während also die Macht der Lehrer und Pädagogen in den vergangenen Jahrzehnten eher kontinuierlich geschrumpft scheint, ist die Macht – oder doch zumindest die Bedeutung – der Berater und Therapeuten eher gestiegen. Hat in zivilisatorischen Frühphasen so mancher Herrscher seine politischen Berater kurzerhand einen Kopf kürzer machen lassen, wenn ihm der Rat nach erfolgter Tat nicht mehr gut erschien, so wird heute kaum ein mächtiger Politiker oder Industrieller es wagen, gegen den Rat seiner Berater zur Tat zu schreiten. Und selbst wenn dieser sich als wenig hilfreich herausstellen sollte, ist man doch geneigt, weniger dem Berater, als sich selber oder Dritten die Schuld für negative Konsequenzen zu geben.

Man könnte also sagen, dass es analog zum Machtverlust der Pädagogen einen Machtzuwachs der Berater gab und gibt.

Aber was macht die Berater so mächtig und so bedeutsam, dass heute kaum einer mehr glaubt, ohne sie auskommen zu können?

Zunächst einmal ist die Ausgangssituation von Beratung eine völlig andere als die von Bildung: Es geht nicht darum, jemanden auf das Leben mit all seinen Fährnissen angemessen vorzubereiten. Der zu Beratende steckt vielmehr schon mitten drin, im Leben und in den Fährnissen. Das heißt aber auch, der zu Beratende steht unter einem gewissen Handlungsdruck. Er steckt in einer Situation, in der es ihm entweder gelingt, als Subjekt gestaltend Einfluss zu nehmen oder aber zum Objekt der gestalterischen Maßnahmen anderer zu werden. Was mitunter recht unangenehm werden kann. Es geht also in der Regel um nichts weniger als um die Wahrung von Autonomie und Handlungsspielräumen in einer Situation, wo es um beides nicht mehr gut bestellt ist.

Im Unterschied zum Lehrer steht der Berater nicht auf der Bühne, er hat keinen Auftritt vor versammelter Mannschaft (oder Frauschaft), sondern hält sich traditionell in abgelegenen Kabinetts auf, wo er mit seinen zu Beratenden Zwiesprache hält.

Im Vergleich zum Pädagogen ist er eher eine Schattenfigur, die das Licht der Öffentlichkeit wenn nicht scheut, so doch zumindest nicht sucht. Seinen Einfluss entfaltet er traditionell im Verborgenen. Und zwar indem er dem Objekt seiner Bemühungen zur Seite steht und nicht – wie der Lehrer – dozierend vor ihm.

Die Begegnung Berater – zu Beratender ist denn auch tendenziell eine intime. Intim in dem Sinn, dass der zu Beratende sich dem Berater öffnet mit all seinen Motiven, seinem Streben, seinen Zweifeln und - im Zweifelsfall - auch seinen Leidenschaften und der Berater sich ihm quasi als Alter Ego, als Hilfs-Ich zur Verfügung stellt. Im Kabinett des Beraters entsteht ein Kontakt auf Augenhöhe, welcher sich sowohl vom Kontakt Lehrer-Schüler, als auch vom Kontakt Psychoanalytiker-Patient eben dadurch deutlich unterscheidet.

Seine Wirkung entfaltet der Berater als Beziehungspartner in einer Auseinandersetzung mit dem zu Beratenden , die sowohl ich-nahe als auch ich-ferne Aspekte des aktuellen Problems thematisiert. Dabei kommt dem Berater zugute, dass er nicht unter einem Verantwortungs- oder Handlungsdruck im Hinblick auf dieses Problem steht. Er kann aus einer gewissen Distanz heraus, sowohl sein Fakten-, als auch sein Prozesswissen einbringen und somit den zu Beratenden in einem Prozess der Klärung zu einer erweiterten und antizipierenden Sicht der Dinge anregen.

Dabei wird er immer darum bemüht sein, nicht sich und seine Sicht der Dinge in den Vordergrund zu stellen. Er wird vielmehr versuchen, durch Impulse und Anstöße an den richtigen Stellen dem zu Beratenden zu einer erweiterten Problemsicht und mithin neuen Handlungsoptionen zu verhelfen.

Damit unterscheidet sich der Berater als Experte für das Wie, die Art und Weise von Selbstreflexion vom Pädagogen als Experten für das Was, die Inhalte von Bildung.

Psychologischer Beratung kommt, verkürzt gesagt, die Aufgabe zu, dem Einzelnen oder auch Paaren und Kleingruppen (Familien) durch Vermittlung von Selbst- und Beziehungserfahrungen zu erweiterten Handlungsspielräumen und erweiterten sozialen Kompetenzen zu verhelfen.

In einer Welt, in der die sozialen Beziehungssysteme derart komplex und zugleich flexibel und unüberschaubar geworden sind, gewinnt psychologische Beratung und Psychotherapie hohe Bedeutung als Hort der Selbstbesinnung und Neuorientierung . Der Rückzug ins Kabinett wird zum Akt der Selbstbehauptung und Selbstvergewisserung.

6.4. Fazit

Was bedeutet all das nun im Hinblick auf die neue Verbindung von Familienbildung und Familienberatung unter dem einen Dach des Diakonischen Werkes?

Zum einen, dass es wichtig ist, sich des Unterschiedes dieser beiden Begriffe und der damit verbundenen Handlungsfelder bewusst zu sein. Es handelt sich letztlich um zwei unterschiedliche Kulturen der Einflussnahme, die jede ihre Geschichte, ihre Berechtigung und ihre Interventionstechniken hervorgebracht haben.

Diese gilt es gezielt einzusetzen und zu pflegen: So wenig es einem Paar in einer aktuellen konflikthaften Verstrickung hilft, einen Vortrag über „Kommunikation in der Beziehung“ zu besuchen, so wenig hilft einem besorgten jungen Paar in der Vorbereitung auf die Geburt ihres ersten Kindes eine Paarberatung. Beides wäre vielleicht auch denkbar und machbar, aber dadurch eben noch lange nicht das Richtige – sofern es das überhaupt gibt.

Zum anderen kann man sagen, dass sich Bildung und Beratung von einem jeweils unterschiedlichen Ausgangspunkt, jedoch mit einer ähnlichen Intention, dem gleichen „Objekt“ zuwenden, nämlich dem Menschen. Beide wollen im weitesten Sinne das Individuum dazu befähigen, einen zufriedenstellenden Lebensentwurf durch Entwicklung der eigenen Potentiale und unter Berücksichtigung sozialer Verbundenheit zu realisieren.

Für die aktuelle Verknüpfung von Psychologischer Beratung und Familienbildung bedeutet dies: je mehr wir „zur rechten Zeit“ und an der richtigen Stelle bilden, d.h. präventiv tätig sind, indem wir z.B. Eltern für die Förderung frühkindlicher Entwicklung sensibilisieren oder für ein gewaltfreies Erziahungskonzept gewinnen, desto weniger müssen wir „zur schlechten Zeit“ beraten, dann nämlich, wenn konflikthafte Verstrickungen in einer Familie den Weg für ein konstruktives Miteinander verbaut haben.

In diesem Sinn ergänzen sich Beratung und Bildung unter dem Dach des Diakonischen Werkes, zumal ein Erfahrungs - und Erkenntnistransfer von der Beratungs - in die Bildungsarbeit und umgekehrt für beide Seiten eine Bereicherung darstellt.

Diethelm Sannwald

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