Jahresbericht 2003
| 7. Fachstelle für
Migration und interkulturelle Beratung (Anastassia-Tasoula Pentidou) 7.1. Vorwort |
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Die wirtschaftliche Rezession des Jahres 2003 wirkte sich gravierend auf die Lebenslage der Bevölkerung aus. Die Zahlen der Menschen, die in die Sozialhilfe abrutschten, stiegen an. Das Problem der Arbeitslosigkeit und Verschuldung belastete alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen. Jugendliche, ob mit oder ohne Schulabschluss, fanden keinen Ausbildungs-
oder Arbeitsplatz. Besonders betroffen davon waren jugendliche Migranten/innen. Die Integration der Gesamtbevölkerung sollte weiterhin auf allen gesellschaftlichen Ebenen im Vordergrund stehen. Menschen in schwierigen Lebenssituationen müssen weiter unterstützt, gefördert und weitergebildet werden, um negativen volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken. Die wirtschaftliche Situation hatte Folgen für die Beratungsarbeit.
Die Beratungsziele sind die Integration in die deutsche Gesellschaft sowie
die Förderung der Selbsthilfe der Klienten. Die Migrationsberatung registrierte in diesem Jahr 195 Klienten/innen, aus 25 Nationen, davon waren 110 Frauen, 76 Männer und 9 Paare. 162 kamen aus der Stadt Offenbach, 33 aus dem Kreis Offenbach; 46 waren in Beschäftigung, die anderen arbeitslos, berentet, Hausfrauen, erwerbsunfähig, in Ausbildung usw.
Klienten, die mit ihren Familien neu nach Deutschland eingereist sind, wurden 23 registriert. In der Fallgruppe der Rückkehrer, die mit ihren Familien in ihr Heimatland zurückgingen, sind 7 registriert worden. Die Klienten wurden beraten, begleitet, vermittelt und informiert. Des Weiteren wurden sie praktisch unterstützt bei Schwierigkeiten, etwa der Korrespondenz mit Ämtern und Behörden. Die Beratungsarbeit ermöglicht dem Klienten und der Klientin, sich besser zurechtzufinden, seine/ihre Rechte wahrzunehmen und durchzusetzen, sowie seinen/ihren gesetzlichen Pflichten nachzukommen. Es werden Kontakte zu anderen Fachdiensten und relevanten Institutionen im In- und Ausland vermittelt. Die Klienten erhielten Hilfestellung bei Verständigungsproblemen und interkulturellen Konflikten mit Behörden, Ämtern und Institutionen. |
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Das diesjährige Seminar des Diakonischen Werkes, das einmal im Jahr für Migrantinnen angeboten wird, hatte das Thema „Geschlechtsspezifische Erziehung in der Migration“ und fand vom 31.10. – 2.11.2003 im Burckhardt-Haus in Gelnhausen statt. Die Veranstalter des Seminars waren die Geschäftsstelle des Diakonischen Werkes Hessen und Nassau in Frankfurt, Bereich „Migration und Interkulturelles Zusammenleben“ und das regionale Diakonische Werk Offenbach-Dreieich-Rodgau, Bereich „Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung“. Als Referentin des Seminars war die Diplom-Psychologin, Frau Nicola Küpelikilinc vom Sozialpädiatrischen Zentrum der Städtischen Kliniken in Offenbach/M., engagiert. Gesellschaftliche und kulturelle Gegebenheiten sind heute noch weltweit die Gründe, dass die Erziehung der Kinder meistens die Aufgabe der Mütter ist. Viele Migrantinnen haben unter der klassischen Mädchenerziehung gelitten, trotzdem erziehen viele ihre Töchter und Söhne gemäß alten, traditionellen Erziehungsmustern. Die Inhalte und Ziele des Seminars sollten Migrantinnen ansprechen, die eine Bereitschaft und das Interesse haben, sich inhaltlich mit der eigenen Erziehung als Tochter innerhalb der Herkunftsfamilie auseinander zu setzen und die Erziehung der eigenen Kinder als Mutter zu überdenken. Das Seminar sollte Migrantinnen die Möglichkeit geben, über ihre gesellschaftliche und familiäre Rolle als Mutter zu reflektieren, aber auch zu erkennen, welche Einflussnahme Mütter auf die Erziehung der Töchter und Söhne haben. Den Frauen sollte ermöglicht werden, ihre Probleme und Schwierigkeiten, die sie in der Erziehung ihrer Kinder erleben, zu thematisieren und sich über Lösungsansätze austauschen. Die Fragen, die während des Seminars bearbeitet werden sollten, waren: Was sind die eigenen Erfahrungswerte in der Erziehung von Mädchen
und Jungen? An dem Seminar nahmen 14 Frauen mit 7 Kindern teil, sie kamen aus Offenbach am Main, Obertshausen, Heusenstamm, Frankfurt am Main, Darmstadt und Lampertheim. Die Teilnehmerinnen waren griechischer, iranischer, chinesischer und türkischer Nationalität. Die Gruppe setzte sich zusammen aus Migrantinnen, die aktiv Mütter sind, aus Großmüttern, die Enkelkinder betreuen, und aus Frauen, die Großmütter werden. Das Alter der Frauen lag zwischen Anfang dreißig und Anfang siebzig. Für die Kinder war während der Seminareinheiten der Mütter eine Kinderbetreuung gegeben. Die Ergebnisse aus dem Seminar zeigten, dass viele Mütter und Väter von den kulturellen Werten wie religiösen Glaubensinhalten und traditionellen Rollenbildern von Mann und Frau geprägt wurden. Diese Rollenbilder werden stark in die Erziehung der Söhne und Töchter eingebracht und auch in der Migration versucht, aufrecht zu erhalten. Für Mütter aus traditionellen Kulturkreisen ist es schwerer, sich mit emanzipatorischen Erziehungsmethoden der Geschlechterrollen in der Migration auseinanderzusetzen und diese als neuen Ansatz in die Erziehung ihrer Söhne und Töchter zu integrieren. Durch die Migration findet auf unterschiedliche Weise eine bikulturelle Auseinandersetzung der Geschlechter statt. Bei starken Differenzen von Herkunfts- und Einwanderungsgesellschaft haben es Töchter schwerer als Söhne. Das weibliche Geschlecht muss sich stärker mit Unterschieden auseinandersetzen. Das männliche Geschlecht kann sich vieles aussuchen. Frauen sind mit dem Problem konfrontiert, ihre Rolle als Tochter, Mutter, Ehefrau und Migrantin in der Einwanderungsgesellschaft zu reflektieren und neu zu definieren. Dies erfordert, dass sie Aufgaben der Erziehung auch den Männern überlassen und sich in ihrer Mutterrolle zurücknehmen können. Die Väter bieten in der Erziehung der Töchter und Söhne andere Impulse für die geistige und emotionale Entwicklung der Kinder an als die Mütter. Mütter müssen sich in der Erziehung der Söhne und Töchter stärker behaupten und durchsetzen, wenn sie Veränderungen in ihrem Leben und in der Erziehung ihrer Söhne und Töchter erreichen wollen. Viele Mütter wünschen sich, dass ihre Töchter mehr Freiheiten leben können, als sie es selbst konnten. Sie möchten, dass die Töchter ein besseres Leben haben, sich beruflich qualifizieren, studieren und selbständig entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Wenige Frauen schaffen es, sich in ihren vorgegebenen kulturellen und traditionellen Pflichten als Mutter und Ehefrau ihren Männern gegenüber mit emanzipatorischen Erziehungsansätzen zu behaupten. Viele wissen nicht, dass es wichtig ist, den Vätern mehr Raum für die Erziehung der Kinder einzuräumen. Die Väter können durch die Beschäftigung mit ihren Kindern erst die Beziehung zu ihnen aufbauen und umgekehrt die Kinder auch zu ihren Vätern. Auch dieses Seminar gab Migrantinnen die Möglichkeit, sich mit Migrationsthemen bewusster auseinanderzusetzen, die eigene Person und ihr Lebensumfeld zu reflektieren, aber auch Migrationsfolgen zu verarbeiten. Des Weiteren können die Frauen durch die Seminare eigene Vorurteile und gesellschaftliche Klischees gegenüber anderen Kulturkreisen, Religionen und einzelnen Personen überdenken. Sie haben die Möglichkeit, neue Ideen und Perspektiven für sich und ihr Leben in Betracht zu ziehen und zu entwickeln. Sie können als Multiplikatorinnen in ihrem eigenen Umfeld wirken und aktiv im Umgang mit Klischees und Vorurteilen gegenüber anderen werden. Im ersten Halbjahr 2003 hat die „Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung“ zwei Informationsvorträge zum Grundsicherungsrecht und zum neuen Schulgesetz für die Frauengruppe gehalten. Im zweiten Halbjahr 2003 wurde für die Frauengruppe in Offenbach
am Main ein zweiter Integrationskurs/Deutsch-sprachkurs organisiert. Die
Durchführung des Kurses erfolgte in der Zeit vom 31.08.2003 – 21.12.2003,
an 12 Sonntagen von 15.00 Uhr bis 17.00 Uhr. In dem Kurs wurde zuerst das deutsche Alphabet wiederholt, weil einige der Teilnehmerinnen an dem ersten Deutschsprachkurs nicht teilgenommen hatten. Die Wiederholung war auch für die Frauen wichtig, die beim ersten
Kurs Schwierigkeiten hatten, sich das Alphabet zu merken. Des Weiteren
wurde die deutsche Rechtschreibung und Grammatik wiederholt und vertieft.
Die Anfänge des Schreibens und Lesens wurden dadurch ermöglicht
und weiter ausgebaut. Bei Verständigungsschwierigkeiten unterstützten sie sich gegenseitig. Nach jeder Unterrichtseinheit gab es Hausaufgaben, die einen weiteren Baustein des Kurses bildeten. Als Unterrichtsmaterial dienten die Lehrbücher der Reihe „Mut zum Lernen – Schreiben und Lesen für Erwachsene“ Band eins und zwei und das Buch „Tausendmal gerührt … - Kochen von Anfang an“ vom Klettverlag. |