Jahresbericht 2003

7. Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung
(Anastassia-Tasoula Pentidou)

7.1. Vorwort
7.2. Einzelfallhilfe
7.3. Gemeinwesenarbeit in Stadt und Kreis Offenbach/M.
7.4. Der dritte Stuhl“ – Lesung mit Dr. Tarek Badawia
7.5. Projektarbeit
7.6. Seminar für Migrantinnen
7.7. Gruppenarbeit
7.8. Organisationsentwicklungsprozess
     7.8.1. Arbeitsphasen
7.9. Ausblick


7.1. Vorwort

Die wirtschaftliche Rezession des Jahres 2003 wirkte sich gravierend auf die Lebenslage der Bevölkerung aus. Die Zahlen der Menschen, die in die Sozialhilfe abrutschten, stiegen an. Das Problem der Arbeitslosigkeit und Verschuldung belastete alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen.

Jugendliche, ob mit oder ohne Schulabschluss, fanden keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Besonders betroffen davon waren jugendliche Migranten/innen.
Arbeitnehmer/innen aus dem Handwerk und der Industrie, Angestellte aus der Wirtschaft und dem Öffentlichen Dienst wurden arbeitslos oder waren von Arbeitslosigkeit bedroht. Viele Langzeitarbeitslose fanden keine Arbeitsstellen. Selbständige meldeten ihr Gewerbe ab oder Insolvenz an.
Rentner/innen konnten ihren Lebensunterhalt nur über ergänzende Sozialhilfe sichern.

Die neu zugewanderten Migranten versuchten ihre Lebensexistenz im Einwanderungsland zu sichern.
Die steigende Armut hat mitunter zur Folge, das Konkurrenzdenken geschürt wird, Kriminalität, Elend und Verlust von Werten sich in bedrohendem Maße ausbreiten.
Die schlechte wirtschaftliche Situation darf nicht dazu führen, dass die mühsam eingeleiteten Integrationsmaßnahmen der letzten Jahre ins Stoppen geraten.

Die Integration der Gesamtbevölkerung sollte weiterhin auf allen gesellschaftlichen Ebenen im Vordergrund stehen. Menschen in schwierigen Lebenssituationen müssen weiter unterstützt, gefördert und weitergebildet werden, um negativen volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken.


7.2. Einzelfallhilfe

Die wirtschaftliche Situation hatte Folgen für die Beratungsarbeit.
Die Probleme und Anliegen der Klienten/innen, die sich in diesem Jahr an die Beratungsstelle wandten, waren sehr vielfältig. Zu nennen sind hier insbesondere:

  • Arbeits- und sozialhilferechtliche Fragen zum SGB III (Arbeitsförderungs-gesetz) und BSHG betreffende Ansprüche, allgemeine Formalitäten, Regelungen durch die EU-Richtlinien etc.
  • Probleme bedingt durch Kündigungen, Krankheiten, illegale Arbeitsbedingungen, Behinderungen, Arbeitsverträge
  • Ausländerrechtliche Fragen und Probleme
  • Schul- und Ausbildungsfragen
  • Familien-, Ehe- und Erziehungsprobleme bedingt durch die Veränderungen von Werten zwischen den Generationen
  • Probleme mit der Wohnung, den Vermietern und Nachbarn
  • Probleme in Zusammenhang mit Behinderungen, psychischen Erkrankungen, sonstigen Krankheiten und Pflege. Diese Beratungen betrafen den psychosozialen Bereich, das Schwerbehindertengesetz, Pflegeversicherung, Frühförderung bei Kindern etc.
  • Begleitung und Hilfestellung bei der Orientierung für neu Zugewanderte, die im Rahmen der Familienzusammenführung oder der EU - Freizügigkeit einreisten
  • Beratung und Hilfestellung für Rückkehrer
  • Fragen und Probleme im Renten- und Sozialversicherungsbereich im Rahmen der zwischen staatlichen Abkommen von Deutschland mit anderen Ländern
  • Konsulatsangelegenheiten bei Geburt, Heirat, Scheidung, Tod
  • Schuldenprobleme (Kooperation mit der Schuldnerberatung des regionalen Diakonischen Werkes Offenbach-Dreieich-Rodgau)
  • Fragen zum Mutterschutzgesetz und Leistungen bei Schwangerschaft und Erziehung

Die Beratungsziele sind die Integration in die deutsche Gesellschaft sowie die Förderung der Selbsthilfe der Klienten.
Die zielgerichtete und verbindliche Beratung und Begleitung ermöglicht die Förderung des Integrationsprozesses.
Die Organisation und Integration von neu Zugewanderten in die Einwanderungs-Gesellschaft sind weitere Schwerpunkte der Beratungsarbeit.

Die Migrationsberatung registrierte in diesem Jahr 195 Klienten/innen, aus 25 Nationen, davon waren 110 Frauen, 76 Männer und 9 Paare. 162 kamen aus der Stadt Offenbach, 33 aus dem Kreis Offenbach; 46 waren in Beschäftigung, die anderen arbeitslos, berentet, Hausfrauen, erwerbsunfähig, in Ausbildung usw.

ausländische Ratsuchende aus Europa: 167; aus Afrika :13; aus Asien: 14; aus Amerika: 1

Klienten, die mit ihren Familien neu nach Deutschland eingereist sind, wurden 23 registriert. In der Fallgruppe der Rückkehrer, die mit ihren Familien in ihr Heimatland zurückgingen, sind 7 registriert worden.

Die Klienten wurden beraten, begleitet, vermittelt und informiert. Des Weiteren wurden sie praktisch unterstützt bei Schwierigkeiten, etwa der Korrespondenz mit Ämtern und Behörden. Die Beratungsarbeit ermöglicht dem Klienten und der Klientin, sich besser zurechtzufinden, seine/ihre Rechte wahrzunehmen und durchzusetzen, sowie seinen/ihren gesetzlichen Pflichten nachzukommen.

Es werden Kontakte zu anderen Fachdiensten und relevanten Institutionen im In- und Ausland vermittelt. Die Klienten erhielten Hilfestellung bei Verständigungsproblemen und interkulturellen Konflikten mit Behörden, Ämtern und Institutionen.


7.3. Gemeinwesenarbeit in Stadt und Kreis Offenbach/M.

Die Migrationsberatung hat mit der Leitstelle Zusammenleben, dem Jugendamt Offenbach und den Migrationsdiensten des Caritas Verbandes und der Arbeiterwohlfahrt an dem gemeinsamen Konzeptentwurf für das Projekt „Elternarbeit an Grundschulen“ in Offenbach/M. mitgearbeitet.
Im Kreis Offenbach ist die Mitarbeit im Arbeitskreis „Alter und Migration“ fortgeführt worden. Das Ziel dieses Projektes ist, ein Konzept für Altenwohnheime zu entwickeln, in dem die Bedürfnisse von älteren Migranten/innen mitberücksichtigt und integriert sind. Nach der Erstellung von zwei Fragekatalogen für die ambulanten und stationären Einrichtungen der Altenpflege sowie für ältere Migranten, konnte die Bedarfsanalyse beginnen.

Nach Anfrage des überregionalen Kindertagesstättenausschusses der Offenbacher Evangelischen Gemeinden hat sich der Arbeitsbereich „Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung“ am 28.01.2003 in der Kindertagesstätte der Lukas - Gemeinde bei einigen Leiterinnen und Leitern von Evangelischen Kindertagesstätten in Offenbach vorgestellt, und mögliche Kooperationen wurden besprochen. Der Bedarf eines Fachtages für Erzieherrinnen wurde festgestellt zum Thema „Welchen Bildungsauftrag haben Kindertageseinrichtungen in Bezug auf Migrantenkinder?“.

Im Rahmen der “Interkulturellen Wochen“ ist die Arbeit weiter ausgebaut worden, auch auf den Kreis Offenbach. In Langen wurde im Rahmen eines interkulturellen Tages ein Informationstisch mit unseren Broschüren und mit einer Multimediashow über Familien aus allen Ländern der Welt gestaltet. Die Mitarbeit im Koordinationsteam der Stadt Offenbach wurde im Jahr 2003 fortgesetzt. Die Arbeit in der Koordinationsgruppe des Kreises Offenbach wurde aufgenommen.
Das Koordinationsteam in Offenbach hat im Rahmen dieser Wochen eine gemeinschaftliche Veranstaltung zum Thema „Viele Kulturen – alles Offenbacher/innen“ organisiert. Die Veranstaltung richtete sich an alle Bürger/innen, die sich über die Interkulturellen Wochen informieren wollten und ein Interesse dafür zeigten.


7.4. Der dritte Stuhl“ – Lesung mit Dr. Tarek Badawia

Im Rahmen der „Interkulturellen Wochen 2003“ in Stadt und Kreis Offenbach fand am 29.09.2003 in der Stadtbibliothek Offenbach am Main, eine Lesung mit dem Schriftsteller Dr. Tarek Badawia von der Universität Mainz statt.
Die Lesung wurde von der „Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung“ organisiert. Die Veranstaltung war ein anregender, aber auch kritischer Beitrag zu dem Thema der Interkulturellen Wochen, „Integrieren statt ignorieren“.
In den letzten 45 Jahren Migrationsgeschichte der Bundsrepublik Deutschland sind in der hiesigen Gesellschaft und der wissenschaftlichen Forschung über Migranten verschiedene Vorurteile entstanden, wie z.B. der Migrant als Bedrohung, der Migrant als Opfer. Ein weiteres Klischee ist, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund „zwischen zwei Kulturen“ leben und damit verbunden als problematische und zerrissene Persönlichkeiten gesehen werden. An dieser stark verbreiteten Ansicht setzt die Forschungsarbeit von Dr. Badawia an. Die Leitidee seiner Studie lautet: Potentiale der jugendlichen Migranten zu stärken statt Defizite zu beklagen.
„ Der dritte Stuhl“ geht auf Aspekte einer positiven Bildungslaufbahn und Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen in der Migration ein, indem sie gängige Vorurteile hinterfragt und Antworten von einigen Migrantenjugendlichen liefert.
„Der dritte Stuhl“ stellt eine Alternative dar zur Zerrissenheit des gängigen sprachlichen Bildes „man sitzt zwischen zwei Stühlen“. Wie definiert man die Identität einer Generation, die weder aus typisch

deutschen noch aus typisch ausländischen Kindern dieser Gesellschaft besteht? Entgegen aller Vorstellungen von einer „verlorenen Generation“ melden sich Immigrantenkinder und –jugendliche mit einer neuen Selbsterkenntnis und klagen die fehlende Anerkennung ihres besonderen Status als Immigranten an. Mit der Metapher des “Dritten Stuhls“ erheben Immigrantenjugendliche einen Anspruch auf die Modernisierung Deutschlands zu einem globalisierten Einwanderungsland.

Dr. Tarek Badawia wurde im Westjordanland geboren, als Immigrant kam er 1987 in die Bundesrepublik Deutschland und studierte Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Universität Mainz. Seit 1998 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mainz am pädagogischen Institut und promovierte 2001. Die Schwerpunkte seiner Arbeit sind Forschungsmethoden, Identitätsforschung, Migration und Kulturmediation.
Dr. Tarek Badawia hat an diesem Abend Sequenzen aus seinem Buch „Der dritte Stuhl“ vorgestellt. Im Anschluss daran wurde eine Diskussion zum Thema gesellschaftliche Klischees und ihre Auswirkungen in Bezug auf Migratenjugendliche der zweiten und dritten Generation angeregt. Das Thema kreativer Umgang mit gesellschaftlichen Vorurteilen von jugendlichen Migranten, die sich eine eigene Identität geschaffen haben über den „dritten Stuhl“, wurde umfangreich diskutiert.

Das Publikum setzte sich aus Menschen verschiedener Nationalitäten und unterschiedlichen Alters zusammen. Die Beiträge, die zum Thema eingebracht wurden, waren vielfältig. Die Besucher der Lesung brachten in der Diskussionsrunde ihre eigenen Erfahrungswerte und Kenntnisse zu dem Thema ein.


7.5. Projektarbeit

Im November 2003 begann die Arbeit an dem Projekt „Interkulturelle Elternarbeit an Schulen“, das an der Eichendorfschule in Offenbach stattfindet und in Kooperation mit dem Migrationsdienst des Caritasverbandes Offenbach am Main e.V. durchgeführt wird. Ziel des Projektes ist, mit Lehrerinnen/Lehrern und Migranteneltern ein Konzept zu entwickeln, um eine bessere Lehrer- und Elternarbeit für die Schulbildung der Kinder zu erreichen. Schule wird zum integrierenden Bildungsort für Schüler, Eltern und Lehrerschaft.

7.6. Seminar für Migrantinnen

Das diesjährige Seminar des Diakonischen Werkes, das einmal im Jahr für Migrantinnen angeboten wird, hatte das Thema „Geschlechtsspezifische Erziehung in der Migration“ und fand vom 31.10. – 2.11.2003 im Burckhardt-Haus in Gelnhausen statt.

Die Veranstalter des Seminars waren die Geschäftsstelle des Diakonischen Werkes Hessen und Nassau in Frankfurt, Bereich „Migration und Interkulturelles Zusammenleben“ und das regionale Diakonische Werk Offenbach-Dreieich-Rodgau, Bereich „Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung“.

Als Referentin des Seminars war die Diplom-Psychologin, Frau Nicola Küpelikilinc vom Sozialpädiatrischen Zentrum der Städtischen Kliniken in Offenbach/M., engagiert.

Gesellschaftliche und kulturelle Gegebenheiten sind heute noch weltweit die Gründe, dass die Erziehung der Kinder meistens die Aufgabe der Mütter ist. Viele Migrantinnen haben unter der klassischen Mädchenerziehung gelitten, trotzdem erziehen viele ihre Töchter und Söhne gemäß alten, traditionellen Erziehungsmustern.

Die Inhalte und Ziele des Seminars sollten Migrantinnen ansprechen, die eine Bereitschaft und das Interesse haben, sich inhaltlich mit der eigenen Erziehung als Tochter innerhalb der Herkunftsfamilie auseinander zu setzen und die Erziehung der eigenen Kinder als Mutter zu überdenken.

Das Seminar sollte Migrantinnen die Möglichkeit geben, über ihre gesellschaftliche und familiäre Rolle als Mutter zu reflektieren, aber auch zu erkennen, welche Einflussnahme Mütter auf die Erziehung der Töchter und Söhne haben.

Den Frauen sollte ermöglicht werden, ihre Probleme und Schwierigkeiten, die sie in der Erziehung ihrer Kinder erleben, zu thematisieren und sich über Lösungsansätze austauschen.

Die Fragen, die während des Seminars bearbeitet werden sollten, waren:

Was sind die eigenen Erfahrungswerte in der Erziehung von Mädchen und Jungen?
Welchen Einfluss hat die Migration der Eltern in Bezug auf die Erziehung der Söhne und Töchter?
Wie können Mütter und Väter die Erziehung von Töchtern und Söhnen konstruktiv in der Migration unterstützen und fördern?
Was sind die Probleme der Eigen- und Fremderwartungen in der Erziehung der Töchter und Söhne?

An dem Seminar nahmen 14 Frauen mit 7 Kindern teil, sie kamen aus Offenbach am Main, Obertshausen, Heusenstamm, Frankfurt am Main, Darmstadt und Lampertheim. Die Teilnehmerinnen waren griechischer, iranischer, chinesischer und türkischer Nationalität. Die Gruppe setzte sich zusammen aus Migrantinnen, die aktiv Mütter sind, aus Großmüttern, die Enkelkinder betreuen, und aus Frauen, die Großmütter werden. Das Alter der Frauen lag zwischen Anfang dreißig und Anfang siebzig.

Für die Kinder war während der Seminareinheiten der Mütter eine Kinderbetreuung gegeben.

Die Ergebnisse aus dem Seminar zeigten, dass viele Mütter und Väter von den kulturellen Werten wie religiösen Glaubensinhalten und traditionellen Rollenbildern von Mann und Frau geprägt wurden. Diese Rollenbilder werden stark in die Erziehung der Söhne und Töchter eingebracht und auch in der Migration versucht, aufrecht zu erhalten. Für Mütter aus traditionellen Kulturkreisen ist es schwerer, sich mit emanzipatorischen Erziehungsmethoden der Geschlechterrollen in der Migration auseinanderzusetzen und diese als neuen Ansatz in die Erziehung ihrer Söhne und Töchter zu integrieren. Durch die Migration findet auf unterschiedliche Weise eine bikulturelle Auseinandersetzung der Geschlechter statt. Bei starken Differenzen von Herkunfts- und Einwanderungsgesellschaft haben es Töchter schwerer als Söhne. Das weibliche Geschlecht muss sich stärker mit Unterschieden auseinandersetzen. Das männliche Geschlecht kann sich vieles aussuchen.

Frauen sind mit dem Problem konfrontiert, ihre Rolle als Tochter, Mutter, Ehefrau und Migrantin in der Einwanderungsgesellschaft zu reflektieren und neu zu definieren. Dies erfordert, dass sie Aufgaben der Erziehung auch den Männern überlassen und sich in ihrer Mutterrolle zurücknehmen können.

Die Väter bieten in der Erziehung der Töchter und Söhne andere Impulse für die geistige und emotionale Entwicklung der Kinder an als die Mütter.

Mütter müssen sich in der Erziehung der Söhne und Töchter stärker behaupten und durchsetzen, wenn sie Veränderungen in ihrem Leben und in der Erziehung ihrer Söhne und Töchter erreichen wollen. Viele Mütter wünschen sich, dass ihre Töchter mehr Freiheiten leben können, als sie es selbst konnten. Sie möchten, dass die Töchter ein besseres Leben haben, sich beruflich qualifizieren, studieren und selbständig entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten wollen.

Wenige Frauen schaffen es, sich in ihren vorgegebenen kulturellen und traditionellen Pflichten als Mutter und Ehefrau ihren Männern gegenüber mit emanzipatorischen Erziehungsansätzen zu behaupten.

Viele wissen nicht, dass es wichtig ist, den Vätern mehr Raum für die Erziehung der Kinder einzuräumen. Die Väter können durch die Beschäftigung mit ihren Kindern erst die Beziehung zu ihnen aufbauen und umgekehrt die Kinder auch zu ihren Vätern.

Auch dieses Seminar gab Migrantinnen die Möglichkeit, sich mit Migrationsthemen bewusster auseinanderzusetzen, die eigene Person und ihr Lebensumfeld zu reflektieren, aber auch Migrationsfolgen zu verarbeiten. Des Weiteren können die Frauen durch die Seminare eigene Vorurteile und gesellschaftliche Klischees gegenüber anderen Kulturkreisen, Religionen und einzelnen Personen überdenken. Sie haben die Möglichkeit, neue Ideen und Perspektiven für sich und ihr Leben in Betracht zu ziehen und zu entwickeln. Sie können als Multiplikatorinnen in ihrem eigenen Umfeld wirken und aktiv im Umgang mit Klischees und Vorurteilen gegenüber anderen werden.


7.7. Gruppenarbeit

Im ersten Halbjahr 2003 hat die „Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung“ zwei Informationsvorträge zum Grundsicherungsrecht und zum neuen Schulgesetz für die Frauengruppe gehalten.

Im zweiten Halbjahr 2003 wurde für die Frauengruppe in Offenbach am Main ein zweiter Integrationskurs/Deutsch-sprachkurs organisiert. Die Durchführung des Kurses erfolgte in der Zeit vom 31.08.2003 – 21.12.2003, an 12 Sonntagen von 15.00 Uhr bis 17.00 Uhr.
Die Kursleitung hatte Frau Tillmanns, die Lehrkraft für deutsche Sprache an der VHS in Dietzenbach ist.
An dem Kurs nahmen 15 Frauen teil, die überwiegend der ersten Generation von Migrantinnen angehören. Einige der Frauen sind erst seit kurzem in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert. Alle Teilnehmerinnen waren griechischer Nationalität.
Das Ziel des Kurses war, den Frauen die deutsche Sprache in Wort und Schrift weiter zu vermitteln. Ein wichtiger Bestandteil dabei sollte die schriftliche Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache und die Umsetzung im Alltag sein, um den Frauen einen autonomen Umgang in ihrem gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

In dem Kurs wurde zuerst das deutsche Alphabet wiederholt, weil einige der Teilnehmerinnen an dem ersten Deutschsprachkurs nicht teilgenommen hatten.

Die Wiederholung war auch für die Frauen wichtig, die beim ersten Kurs Schwierigkeiten hatten, sich das Alphabet zu merken. Des Weiteren wurde die deutsche Rechtschreibung und Grammatik wiederholt und vertieft. Die Anfänge des Schreibens und Lesens wurden dadurch ermöglicht und weiter ausgebaut.
Die Frauen konnten sich in einem für sie neuen Kontext mit der deutschen Sprache auseinandersetzen.

Bei Verständigungsschwierigkeiten unterstützten sie sich gegenseitig. Nach jeder Unterrichtseinheit gab es Hausaufgaben, die einen weiteren Baustein des Kurses bildeten. Als Unterrichtsmaterial dienten die Lehrbücher der Reihe „Mut zum Lernen – Schreiben und Lesen für Erwachsene“ Band eins und zwei und das Buch „Tausendmal gerührt … - Kochen von Anfang an“ vom Klettverlag.


7.8. Organisationsentwicklungsprozess

In einem seit Juni 2002 laufenden Entwicklungsprozess entsteht innerhalb des Diakonischen Werkes Offenbach-Dreieich-Rodgau zur Integration verschiedener Arbeitsbereiche und einer effektiveren Vernetzungs-, Vermittlungs- sowie Kooperationsarbeit mit anderen Fachdiensten des Diakonischen Werkes ein integriertes Erziehungs- und Familienberatungszentrum. Die Fachdienste „Psychologische Beratung“, „Schuldnerberatung“, „Allgemeine Lebensberatung“, „Evangelische Dezentrale Familienbildung“ sowie der Bereich „Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung“ werden in dem Erziehungs- und Familienberatungszentrum integriert. Die Vernetzung und die Kooperation der verschiedenen Fachbereiche hat das Ziel, in Form des Fallmanagements die Ratsu-chenden in der Vielfältigkeit ihrer Probleme effizienter zu beraten und zu helfen.

Der Organisationsentwicklungsprozess verläuft über Organisationsbereiche wie Steuerungsgruppe, Fachteams, Großteam und Kleingruppen, die in drei Arbeitsphasen konkrete Inhalte ausarbeiten. Das Ziel dieses Prozesses ist es, ein eigenes Konzept für ein integriertes Erziehungs- und Familienberatungszentrum zu entwickeln.

  • Steuerungsgruppe: Die Funktion der Steuerungsgruppe liegt in der Planung und Vorbereitung der einzelnen Arbeitsphasen und –schritte für das Großteam und die Kleingruppen. Die Steuerungsgruppe setzt sich zusammen aus der stellvertretenden Leitung, Arbeitsbereichsleitung, MitarbeiterInnen der verschiedenen Fachdienste - auch meiner Person - und einer Vertreterin der Mitarbeitervertretung.
  • Fachteams: Die Fachteams setzen sich zusammen aus den einzelnen MitarbeiterInnen der Fachbereiche, in denen Themen wie Fallbesprechung, Organisatorisches, Öffentlichkeitsarbeit, Diskussionspunkte der Arbeitsbereiche besprochen werden.
  • Großteam: Das Großteam ist eine neue Teamstruktur innerhalb des Organisationsentwicklungsprozesses, das sich aus den MitarbeiterInnen aller Arbeitsbereiche zusammensetzt. Im Großteam werden die Vorschläge der Steuerungsgruppe inhaltlich besprochen, Arbeitsaufgaben entwickelt, verteilt und Ergebnisse der Kleingruppen präsentiert.
  • Kleingruppen: In den Kleingruppen sind Mitarbeiter aus den verschiedenen Arbeitsbereichen vertreten, die sich in den verschiedenen Arbeitsphasen neu zusammensetzen und somit immer wieder die Kooperationspartner wechseln.

Die Aufgaben dieser Gruppen ist es, sich fachlich auszutauschen in Bezug auf die Arbeitsweise, Beratungsmethoden, Zielgruppen etc., sich dabei persönlich kennenlernen und gemeinsam konkrete Aufgaben und Inhalte zum Konzeptentwurf auszuarbeiten und zu reflektieren.


7.8.1. Arbeitsphasen

  1. Phase: In dieser Phase ging es um den Prozess des Vergleichs und das Kennenlernen anderer Einrichtungen, die mit Fallmanagement arbeiten. Dazu erstellten die Kleingruppen Fragekataloge, die im Großteam zu einem Interview - Leitfaden zusammengefasst wurden. Bei den besuchten Einrichtungen wurde der Interview – Leitfaden benutzt, um Erfahrungswerte anderer Einrichtungen zu erfassen und zu reflektieren auf die Umsetzbarkeit des eigenen Konzeptentwurfs für das Erziehungs- und Familienberatungszentrum.
  2. Phase: Die Ausarbeitung von möglichen eigenen Methoden des Fallmanagements und die Gestaltung der neuen Arbeitsbeziehungen sind Inhalt dieser Arbeitsphase gewesen, bei der sich neue Kleingruppen konstituierten. In einem Klausurtag wurden die Arbeitsergebnisse der Kleingruppen zusammengetragen und diskutiert, um die Arbeitsansätze für das Fallmanagement zu entwickeln.
  3. Phase: In der dritten Phase wechselten wieder die Kooperationspartner der Kleingruppen. An dieser Stelle sind die Arbeitsinhalte und verbindliche Vereinbarungen für das Fallmanagement festgehalten worden, für die Arbeit mit Familien und Einzelpersonen mit vielen unterschiedlichen Problemen und das entstehende Konzept des integrierten Erziehungs- und Familienberatungszentrums. Das von der Leitung des regionalen Diakonischen Werkes Offenbach-Dreieich-Rodgau verabschiedete Konzept kann im Jahr 2004 in die Erprobungsphase gehen.


7.9. Ausblick

Für das Jahr 2004 ist ein Fachtag für Erzieherinnen geplant zum Thema „Welchen Bildungsauftrag haben Kindertagesstätten in Bezug auf Migrantenkinder?“. Der Schwerpunkt des Fachtages soll auf der Arbeit mit Migranteneltern und der Sprachförderung von mehrsprachig aufwachsenden Kindern liegen.

In Kooperation mit der Geschäftsstelle des Diakonischen Werkes in Frankfurt am Main, Referat „Migration und Interkulturelles Zusammenleben“ ist für den Herbst 2004 ein Migrantinnenseminar geplant zum Thema „Wie können sich Migrantinnen in Gewaltsituationen besser behaupten?“.

Anastassia-Tasoula Pentidou
Migrationsberaterin
Diakonisches Werk Offenbach-Dreieich-Rodgau
Lämmerspieler Weg 43
63071 Offenbach

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