Jahresbericht 2003

6. Gruppenangebot für Trennungs- und Scheidungskinder
(Petra Kaufmann)

6.1. Ziele des Gruppenangebotes
6.2. Vorbereitungsphase
6.3. Struktur der Gruppensitzungen
6.4. Thematische Schwerpunkte der Gruppenarbeit
6.5. Elternarbeit
6.6. Rückblickende Gedanken

Von März bis Juni 2003 führten Frau Petra Kaufmann, Dipl.-Sozialarbeiterin, und Frau Birgit Jost, Berufspraktikantin der Sozialpädagogik, eine Gruppe für Trennungs- und Scheidungskinder durch.

Die Gruppenarbeit orientierte sich an dem Neußer-Modell, das sich, wie andere in Deutschland verwendete Modelle, aus den amerikanischen Gruppenkonzepten für Trennungs- und Scheidungskinder entwickelt hat. Die mögliche Anzahl der teilnehmenden Kinder wurde auf 8 Kinder im Alter von 8 - 11 Jahren begrenzt. Von März bis Juni 2003 fanden elf Gruppentreffen für jeweils anderthalb Stunden im Wochenrhythmus statt, der nur während der Osterferien unterbrochen wurde.


6.1. Ziele des Gruppenangebotes

Von Trennung und Scheidung betroffenen Kindern soll Unterstützung und Struktur in Zeiten der Krise, Angst und Verunsicherung angeboten werden.

Die Kinder erleben, dass sie aktiv zur Bewältigung ihrer veränderten Lebenssituation beitragen können. Dadurch, dass sie sich mit anderen Kindern treffen, welche die gleiche Erfahrung gemacht haben, fühlen sie sich nicht mehr in ihrem Trennungs-Schicksal isoliert und beschämt. Sie erfahren, dass es inzwischen zur Normalität gehört, dass viele Kinder getrennte Eltern haben.

Weitere Ziele sind:

  • Normalisierung der eigenen Sichtweise
  • Stärkung der eigenen Position innerhalb der Familie
  • Verbesserung der Kommunikation zwischen Eltern und Kind
  • Abbau von Schuldgefühlen
  • Unterstützung bei der Benennung des Konfliktes
  • Stärkung des Selbstvertrauens
  • Entwicklung von Zuversicht in eine positive Lebensperspektive

Für die Eltern ergeben sich dabei folgende Ziele:

  • Sie werden entlastet
  • Sie werden für ihre Kinder sensibilisiert
  • Ihr Wissen über die Auswirkungen auf Kinder nach Trennung und Scheidung wird erweitert

Außerdem werden in den begleitenden Elterngesprächen die verschiedenen Möglichkeiten aufgezeigt, die dazu dienen können, die Trennung zu bewältigen. Die Eltern können auf Einzel- oder Paarberatung, Mediation, Gesprächsgruppen für Alleinerziehende etc. hingewiesen werden.


6.2. Vorbereitungsphase

Zuerst wurden Vorgespräche mit Eltern und Kindern geführt. Neben dem gegenseitigen Kennenlernen wurden die Ziele der Gruppenarbeit dargestellt und die Gruppenleiterinnen hatten die Möglichkeit, Informationen zur Indikation zu erhalten. Gegen Ende des Vorgespräches bekamen die Kinder und die Eltern je einen Fragebogen, der noch vor der ersten Gruppenstunde ausgefüllt zurück erwartet wurde. Diese Fragebögen dienten zur Erfassung weiterer Informationen wie Scheidungsprozessphase, Symptomatik der Kinder und Entwicklungsstand.
Das erste Treffen der Gruppe war als „Schnupperstunde“ geplant. Direkt danach sollte jedes Kind sich endgültig für eine kontinuierliche Teilnahme entscheiden.


6.3. Struktur der Gruppensitzungen

Kinder, die mit der Trennungssituation ihrer Eltern leben müssen, brauchen eine vertrauensvolle Atmosphäre, die Sicherheit gibt. Daher hatten alle Gruppensitzungen einen festen Ablauf, an dem sich die Kinder orientieren konnten.

  1. Eingangsrunde
  2. Erster thematischer Block
  3. Pause
  4. Zweiter thematischer Block
  5. Spiel
  6. Verabschiedung

Die Gruppentreffen fanden im Evangelischen Gemeindezentrum der Petrusgemeinde in Langen statt. Der Raum wurde vor jedem Treffen von den Leiterinnen vorbereitet. Es wurden Stühle zu einem Sitzkreis formiert, in dessen Mitte ein buntes Tuch die Unterlage war für Blumen und jeweils eine Kerze für jedes Kind. Das Thema der jeweiligen Gruppensitzung war immer auf einem Plakat zu lesen. Meist wollten die Kinder gleich zu Anfang wissen, welches Thema sie erwartete. In der Eingangsrunde hatte jedes Kind die Gelegenheit zu erzählen, was ihm wichtig war. Dafür bekam das sprechende Kind eine Muschel in die Hand. Nach der Eingangsrunde gaben die Leiterinnen den Kindern einen Überblick, was geplant war.

Nach dem ersten thematischen Arbeiten gab es eine zehnminütige Pause, in der es immer eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken gab. Nach dem zweiten thematischen Block folgte immer ein gleiches Spiel, das zum Abschiedsritual gehörte und die Kinder darin unterstützen sollte, die Gruppe mit einem positiven Gefühl zu verlassen. Zum Schluss stellten sich die Kinder mit den Leiterinnen im Kreis auf, nahmen sich an die Hand und verabschiedeten sich mit einem Abschiedssatz voneinander.


6.4. Thematische Schwerpunkte der Gruppenarbeit

Die erste Gruppensitzung diente zum gegenseitigen Kennenlernen sowie dem Informieren über den Anlass, den Ablauf und die Ziele der Gruppe. Außerdem sollten die Kinder sich bis zum Ende der ersten Sitzung entscheiden, ob sie weiterhin teilnehmen wollen.

Beim zweiten Treffen sollte das Kennenlernen vertieft werden und eine Gruppenidentität angestrebt werden. Dazu konnten die Kinder sich eigene Gruppenregeln erarbeiten, die auf ein Plakat geschrieben wurden. Diese acht Gruppenregeln hingen bei allen Treffen an der Wand und lauteten:

- Wir wollen zusammen halten.
-  Wir wollen nichts von hier verraten.
-  Wir wollen uns nicht weh tun.
-  Wir wollen uns helfen.
-  Wir wollen uns nicht ärgern.
-  Wir wollen uns zuhören.
-  Wir wollen miteinander Spaß haben.
-  Wir wollen immer pünktlich sein.

In der dritten Gruppensitzung gaben die Kinder ihrer Gruppe den Namen „Bunte Piraten“. Es ging außerdem um die Hinführung zu dem Thema „Trennung und Scheidung“. Dazu wurde den Kindern der Film „Verliebt-Verlobt-Verheiratet-Geschieden“ von der „Pro Familia Vertriebsgesellschaft“ gezeigt. Danach äußerten sich die Kinder zu den Aspekten „Was war für Dich neu?“ und „Was kanntest Du?“. Die Antworten wurden auf einem Plakat festgehalten und sollten dazu dienen, Ängste zu reduzieren und sich mit dem Thema auseinander zu setzen. In dem Film konnten die Kinder sehen, dass viele andere Kinder betroffen sind, und in dem anschließenden Gespräch konnten sie erfahren, wie es anderen Kindern damit geht.

Beim vierten Gruppentreffen ging es um die Darstellung der unterschiedlichen Lebensbereiche der Kinder. Neben dem Austausch darüber, wie sie wohnen, konnten positive Aspekte der Trennung in den Vordergrund treten, z. B. zwei Zimmer, beide Elternteile räumen mehr Zeit für ihr Kind ein.

In der fünften Sitzung gestalteten die Kinder eine Wandzeitung, wodurch sie ihre eigene Lebenssituation und Erlebensweise kreativ zum Ausdruck brachten.

Die sechste Sitzung sollte den Kindern vermitteln, dass es neben der Kernfamilie noch andere Formen von Familien gibt und damit ihr Selbstwertgefühl steigern.

Beim siebten und achten Treffen sollten die Kinder unterstützt werden, ihre Gefühle in Bezug auf die Trennung der Eltern zu spüren und auszudrücken. Dies wurde durch den vertrauten Umgang miteinander gefördert sowie durch die Erfahrung, dass andere Kinder ähnliche oder unterschiedliche Gefühle erleben.

In der neunten Sitzung spielten die Kinder die Situation nach, die sie bei der Trennung ihrer Eltern erlebt hatten. Jedes Kind übernahm für die Darstellung der selbst erlebten Situation die Rolle des Regisseurs, wobei die gewahrte Distanz eine Reflexion der eigenen Gefühle erleichterte.

In der zehnten Gruppensitzung übten die Kinder mit schwierigen Situationen umzugehen, die im Zusammenhang mit dem Trennungsprozess der Eltern stehen. Es wurden im Rollenspiel unterschiedliche Bewältigungsmöglichkeiten ausprobiert.

Für das letzte Gruppentreffen hatten die Leiterinnen alle Themen des gesamten Gruppenprozesses auf ein Plakat geschrieben und aufgehängt. Jedes Kind las den Inhalt einer Sitzung vor und die anderen Kinder konnten sich dazu äußern, was ihnen gefallen hat und was nicht. Dies konnten sie auch noch schriftlich oder zeichnerisch ausdrücken. Dadurch setzten sich die Kinder aktiv mit dem Ende der Gruppe auseinander.

Zum Abschied hatten die Leiterinnen für jedes Kind einen individuellen Wunsch formuliert. Diesen Wunsch nahmen die Kinder zusammen mit den von ihnen gestalteten Dingen mit nach Hause.

Das Abschlussfest, gemeinsam mit den Eltern, fand direkt nach der letzten Gruppensitzung statt. Die Plakate, als Anschauungsobjekte der Gruppenarbeit, verblieben im Gruppenraum. Fast alle Kinder zeigten ihren Eltern stolz, was sie in der Gruppe gemacht hatten.
Das Abschlussfest diente auch dazu, den Abschied bewusst mit allen Beteiligten zu gestalten und den Kindern ihre in der Gruppenarbeit gewonnenen,Erfahrungen symbolisch anhand ihrer selbst gestalteten Sammelmappen mitzugeben.
Als Abschiedsritual spielten die Leiterinnen gemeinsam mit den Kindern und deren Eltern das den Kindern vertraute Abschlussspiel. Dieses Spiel wurde zum Ende jeder Gruppensitzung mit den Kindern gespielt und war bei den Kindern sehr beliebt.


6.5. Elternarbeit

Nach der Anmeldung fand ein VORGESPRÄCH mit dem Kind und seinen Eltern oder einem Elternteil statt. Dieses Gespräch diente dem gegenseitigen Kennenlernen, der Information über die Gruppe und Abklärung von Wünschen und Erwartungen an die Gruppe. Die Gruppenleiterinnen betonten dabei, das die Teilnahme des Kindes seine eigenständige Entscheidung sein sollte. Gegen Ende des Vorgespräches erhielten Eltern wie Kinder je einen Fragebogen mit der Bitte, diesen auszufüllen und zurück zu geben.

Nach Beendigung der Gruppe führten die Leiterinnen mit allen Eltern ABSCHLUSSGESPRÄCHE. Sowohl von der Seite der Eltern wie von der Seite der Gruppenleiterinnen wurde zusammen getragen, was die Teilnahme an der Gruppe für das Kind gebracht hat. Danach wurde besprochen, was eine weitere positive Entwicklung des Kindes fördert und wie die Eltern das Kind unterstützen können.


6.6. Rückblickende Gedanken

Die Gruppenarbeit mit den Kindern war eine bereichernde Zeit, sowohl für die Kinder, deren Eltern als auch für die Gruppenleiterinnen. Von Eltern wie Kindern gab es positive Rückmeldungen. Nach Beendigung gab es viele Nachfragen seitens der Kinder und der Eltern, ob eine neue Gruppe angeboten wird und ob eine wiederholte Teilnahme des Kindes möglich sei.

Während des Gruppenprozesses konnten die Leiterinnen erkennen, wie förderlich das klar strukturierte, transparente und damit verlässliche Gruppenprogramm für die Kinder war.

Insbesondere der Selbsthilfecharakter der Gruppe und damit die zum Tragen kommende Eigenverantwortung und Eigeninitiative der Kinder hatten entwicklungs-fördernde Auswirkungen. Die gewachsene Vertrauenssituation innerhalb der Gruppe war die Basis dafür, dass die Kinder sich trauten, konflikthafte Familiensituationen zu benennen und darzustellen. Darüber hinaus konnten die Kinder aktiv Bewältigungsstrategien ausprobieren. Als positiver Nebeneffekt entwickelten sich bei einigen Kindern Freundschaften, die auch nach der Gruppe noch Bestand hatten.

Die Elternarbeit war effektiv durch die spürbar positiven Veränderungen, die die Eltern an ihren Kindern wahrnehmen konnten und die damit große Bereitschaft, sich auf begleitende Beratung einzulassen.

Die Gruppenleiterinnen erfuhren die Gruppenarbeit als sinnvolles Ganzes, mit den erfreulichen Erfahrungen, ein Stück weit das persönliche Wachstum von Kindern unterstützt zu haben.

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