Jahresbericht 2003

Auf der Suche nach dem großen Ganzen

- Lebensweg und Spiritualität -

Ich sehne mich nach etwas, das ich nicht genau benennen kann.

Ich spüre, dass mir etwas Wesentliches fehlt. Wie komme ich dem auf die Spur?

Was ist Sinn dieser Situation, dieser Krise, dieser Herausforderung?

Was ist der Sinn meines Lebens?

Anhand einer bildhaften Lebensgeschichte (der Legende von Christophorus) und mit Beispielen aus dem beruflichen und persönlichen Alltag führten Pfarrer Gerlitz als Seelsorger und ich als Ehe- und Lebensberaterin im Februar 2003 im Bürgerhaus Sprendlingen ein offenes Gespräch.

Anregung, diese Thematik in der Öffentlichkeit anzusprechen, war ein Kongress in Bad Kissingen: „Zur Bedeutung der spirituellen Dimension in Beratung und Therapie“. Hans Küng bezeichnet die Religion als „letztes Tabu der Psychologie, dessen Bedeutung verdrängt wird“. Dem stimme ich zu.

Meist geschieht es verdeckt und indirekt, dass Sinnfragen und religiöse Fragen in der Beratung auftauchen – vorausgesetzt, ich bin als Berater/in dafür offen. Bei vielen Ratsuchenden sind theologische Begriffe und traditionelle religiöse Sprache, Bilder und Formen eher negativ besetzt. Es gibt dafür vielerlei Gründe. Einer davon ist sicherlich der, dass es auch in religiös-spiritueller Hinsicht im Laufe des Lebens Wachstum und Entwicklung gibt – mit Krisen und evt. Blockierungen in diesem Prozess. Viele Menschen bleiben in einem kindlichen Glaubens- und Verstehensmuster stecken und tun dies dann als „Kinderglauben“ ab, anstatt einen weiteren Schritt in einen erwachsenen Glauben hinein zu tun. Aber eine Sehnsucht nach dem „Mehr (siehe oben)“ bleibt.

Die Legende von Christophorus ist ein anschauliches Beispiel für die Geschichte eines Lebens- und Glaubensweges. An ihr kann beispielhaft aufgezeigt werden, dass und wie Lebenserfahrung und Spiritualität ineinander verwoben sind. Persönliche Erfahrungen prägen unseren Glauben – und umgekehrt. Sie sind nicht voneinander zu trennen. Wolfgang Huber, der neu gewählte Ratsvorsitzende der Ev. Kirche in Deutschland (EKD) formuliert so: „Viele Menschen sind auf der Suche nach authentischem Leben. Sie sind auf der Suche nach Spiritualität.“

Anhand dieser bildhaften Darstellung des Lebensweges von Christophorus (Foto eines großen, textilen Wandfrieses, siehe nächste Seite) kamen bei der Veranstaltung im Bürgerhaus unterschiedliche Aussagen und Erfahrungen zu den verschiedenen Lebensabschnitten zur Sprache: aus der Sicht des Theologen und Pfarrers und aus meiner Sicht als Psychologische Beraterin. Es war ein anregendes und sich ergänzendes Hin und Her und Miteinander, bei dem sich im zweiten Teil des Abends auch die Zuhörer/innen rege beteiligten. Zunächst also die alte Legende von Christophorus, der als Schutzheiliger für Reisen bekannt ist. Die groß gedruckten Worte im Folgenden beziehen sich auf die Thematik der verschiedenen Lebens- bzw. Bildabschnitte.

Wandteppich: der Weg des Christophorus

LEGENDE

Christophorus war ein Mensch von gewaltiger Größe und Kraft. Er machte sich auf die SUCHE nach dem mächtigsten König der Welt, um ihm zu dienen.

Er trat in den Dienst eines Königs, von dem es hieß, es gäbe keinen größeren auf der Welt.

Als er eines Tages jedoch merkte, dass dieser den Teufel fürchtete, zog er weiter, um diesen zu suchen. Er BEGEGNETE DEM BÖSEN und stellte sich ihm zur Verfügung. Einst sah er, dass der Teufel auswich vor einem Kreuz am Weg. Christophorus verließ den Teufel und machte sich weiter auf die Suche nach dem Größten.

Auf seinem WEG NACH INNEN begegnete er einem Einsiedler. Der wies ihn schließlich an den Fluss. Er solle Menschen durch den Strom tragen.

Eines Nachts hörte er die Stimme eines Kindes, die ihn rief. Er sollte DAS KIND TRAGEN.

Das Wasser stieg, und das Kind wurde ihm so schwer, dass er fürchtete, IN DER TIEFE zu versinken Am anderen Ufer erst offenbarte sich dieses Kind als Christus, den er so lange gesucht hatte.

Als Zeichen sollte Christophorus seinen alten Stab in die Erde stecken, wo er BLÜHEN und Frucht bringen würde.

Nach der legenda aurea

SUCHEN

Leuchtendes Sonnengelb: Grunderfahrung von paradiesischem Zustand und Einheit. Ausgangspunkt für die Suche nach dem Höchsten und Größten. Vermutlich trägt jeder von uns eine Ahnung davon und eine tiefe Sehnsucht danach in sich. Sie sind Ausgangspunkt und Motivation zugleich für den Weg. In dieser Phase besteht ein großes Bedürfnis nach Harmonie.

DEM BÖSEN BEGEGNEN

Rot: Farbe von Leben, Liebe, Blut, Leidenschaft und Feuer.

Schwarz: Farbe von Dunkelheit, Abgrund, Zerstörung, Tod.

In diesem Lebensabschnitt lernt Christophorus/lernt ein Mensch Macht und Kraft dieser Welt kennen – auch seine eigene. Gleichzeitig begegnet er dem Dunklen, Abgründigen, Zerstörerischen – auch in sich selber. Lebenskraft und Zerstörungskraft, die Macht der Liebe und des Todes, das sog. Gute und das sog. Böse sind meist nicht voneinander zu trennen (Ineinander von Rot und Schwarz). Beide gilt es zu erleben und zu erleiden und zu integrieren. Viel Energie steckt in diesem Abschnitt. Häufig kommen Menschen (und Paare) in dieser Phase zur Beratung. Der Machtkampf – äußerlich und innerlich – ist an eine Grenze geraten. „So geht es nicht weiter“. Jetzt geht es darum, Verwicklungen zu lösen, Projektionen zurückzunehmen, eigene Anteile wahrzunehmen und zu verantworten.

WEG NACH INNEN

Violett: Farbe zwischen Rot und Blau, Farbe von Umkehr und Wandlung.

Der Weg nach innen ist ein Weg zu sich selber. Ein Weg, bei dem man sich selber treu bleibt bzw. wird. Ein Weg, auf dem Rat und Beistand von fachkundigen und erfahrenen Menschen nötig und hilfreich sein können, aber auch ein Weg der Auseinandersetzung mit guten Ratschlägen, erprobten Mitteln, der Tradition… Es geht darum, einen ganz persönlichen Weg zu finden, auf dem die eigene Kraft und Begabung sinnvoll eingesetzt werden kann.

WARTEN AM STROM

Grau: Übergang zwischen Schwarz und Weiß.

Grauer Alltag. Übergangszeit. Tägliches Hin und Her, Auf und Ab, Tun, was dran ist. Lasten tragen – auch die, die andere Menschen manchmal für uns sind. Warten, d. h. offen und aufmerksam bleiben.

EIN KIND TRAGEN

Eine leise, zarte Stimme meldet sich bei Christophorus/in uns… Sie ist, zumindest anfangs, leicht zu überhören und zu überdecken. Es geht um Wesentliches – im Unterschied zu all den Wichtigkeiten, die unsere Tage füllen. Es geht darum, sich „dieses Kindes“ anzunehmen und es durch den Strom (des Lebens) zu tragen. Psychologisch verstanden ist es die Stimme des ursprünglichen Wesenskerns in uns. Wie sie sich zeigt und wohin sie uns führen will, das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manchmal kann ein Beratungsgespräch dazu ermutigen, auf diese Stimme zu achten und ihr zu folgen.

IN DER TIEFE

Langsam erst, beim Gehen erst, merkt ein Mensch, wie schwer dieser Weg ist. Das, was bisher Stärke war, was nützt es? Das worauf er sich gestützt hat, wie auf einen Stab, was hilft es? Der Mensch kommt an die Grenzen seiner Kraft, an die Grenze dessen, was für ihn tragbar ist. Oft beginnt das Neue mit einem Zusammenbruch des Bisherigen (Krankheit, Schicksalsschlag, Trennung, Tod,….). „Eine Welt ist zusammengebrochen“, formulieren viele Menschen, wenn sie in solcher Phase zur Beratung kommen.

Weitergehen, durchhalten. Diese zart-schwere Last – erst im Nachhinein erfährt Christophorus/erfahren wir selber oft, wie kostbar sie ist - nicht abwerfen, um das alte Leben zu retten. Das Höchste – Christophorus findet es in der Tiefe. Wenn wir an die Grenzen unserer eigenen Lebensmöglichkeiten geraten, kann es sein, dass sich etwas in uns wandelt und dass uns bisher unbekannte Kräfte zuwachsen.

BLÜHEN

Leuchtendes Gold.

Neue Lebens-Energie wird wirksam. In uns und durch uns hindurch. Der alte Stab, der dürre, wird am anderen Ufer in die Erde gesteckt, d. h. in den Alltag integriert. Hier schlägt er neue Wurzeln, um zu blühen und Frucht zu bringen.

PHASEN EINES LEBENS

Vielleicht folgen diese Phasen so oder anders schwerpunktmäßig aufeinander im Laufe eines Lebens. Es ist sicherlich kein einmaliger Durchgang:

Immer wieder stehe ich am Anfang, bin ich auf der Suche nach Zielen und Wegen, nach „dem Höchsten“, das den ganzen Einsatz wert ist.

Immer wieder setze ich mich auseinander mit den verschiedenen Mächten und Kräften in der Welt und in mir selber.

Immer wieder halte ich inne, suche nach Wegweisung, erlebe ich Einsamkeit. Ich horche nach Innen: auf das, was wesentlich ist.

Immer wieder der Alltag, das Tun dessen, was dran ist. Dabei offen und durchlässig bleiben, aufmerksam.

Immer wieder höre ich auf die leise Stimme in mir und folge ihr.

Immer wieder muss ich Gewohntes lassen, manchmal gehe ich dabei fast zugrunde.

Und hie und da die überraschende Erfahrung, dass an abgestorbener, unerwarteter Stelle neues Leben aufbricht.

Diese Legende ermutigt, die jeweilige Lebensphase wirklich anzunehmen und gelten zu lassen und sie zu durchleben als unumgänglichen, wichtigen Teil eines sinnvollen, bunten, Ganzen.

Doris Kimmel

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